Frieden ist Zufall.
Dass der konsequente Umgang mit seinen eigenen Kopfgeburten künstlerisch zwar ehrenwert sein mag, in ökonomischer Hinsicht aber nicht unbedingt immer die beste Vorgehensweise ist, gehört mit großer Wahrscheinlichkeit zu den entscheidenden Lektionen, die David Morrell im Verlauf seiner schriftstellerischen Karriere gelernt hat. Wo andere Autoren auch Jahre später noch nicht über zentrale Abweichungen von ihrer Romanvorlage hinwegkommen würden, hat Morrell allen Grund, dem Testpublikum von „First Blood“ in alle Ewigkeit dankbar dafür zu sein, dass es seinem traumatisierten Kriegsheimkehrer den Leinwandtod erspart und damit den sequelfeindlichen Kardinalfehler von Morrells düster-desillusionierendem Post-Vietnamroman korrigiert hatte. War auf diese Weise doch der Weg frei geworden für eine Figur, die sich schon bald zu einem ziemlich reaktionären Helden der Popkultur entwickeln und seinem Schöpfer über zwei Jahrzehnte hinweg vermutlich ganz beachtliche Tantiemen in die Tasche fließen lassen würde.
Zwei Sequels, eine Cartoon-Serie, eine inoffizielle indonesische Filmfassung und einer Reihe parodistischer Varianten später stellt sich nun heraus, dass der Mann, der mit dem Ende des Kalten Krieges als Identifikationsfigur mehr oder weniger ausgedient hatte, mittlerweile als friedlicher Skipper und Schlangenfänger im thailändischen Grenzgebiet zu Birma lebt und mit Blut, Krieg und Ambush-Feldzügen beim besten Willen nichts mehr zu tun haben will. Ein bisschen bullig ist er geworden und in seiner Motorik nicht mehr ganz so geschmeidig wie früher. Von der alten Heimat hält er sich fern, aber für die Gesichtskorrekturen hätte er vielleicht doch einmal eine Ausnahme machen und bei McNamara/Troy vorbeischauen sollen, denn bei den thailändischen Schönheitschirurgen ist offensichtlich nicht alles so richtig optimal gelaufen. Seinen früher gerne zur Schau gestellten Oberkörper lässt er lieber bedeckt. Das wirkt irgendwie keusch, ist aber für die Optik vermutlich besser. Ansonsten redet er immer noch nicht viel und begnügt sich, wenn er überhaupt etwas sagt, mit einem einfachen „Fuck you“, und wer ihn nach seinem Namen fragt, für den ist er einfach nur John. Der Mythos ist abgelegt, und der Mann will ganz offensichtlich nur seine Ruhe. Aber da gibt es ja noch sein Alter Ego, das die ganze Sache etwas anders sieht und einigen Grund hat, den müde und etwas träge gewordenen Veteranen noch einmal zu reaktivieren. Derjenige also, der Rambo da eine Gruppe naiv-eifriger Missionare auf den Hals hetzt, um rasch eine unvermeidbare Katastrophe heraufzubeschwören, ist selbstverständlich niemand anderes als Sylvester Stallone, der möglicherweise nur den geeigneten Zeitpunkt abgewartet hat, um sich das berühmte Stirnband wieder um die verschwitzte Mähne zu wickeln.
Dabei hatte sich Stallone selber bisher allen Versuchen in den Weg gestellt, seine berüchtigte Filmfigur noch einmal auf die Krisengebiete dieser Welt loszulassen. Zunächst einmal war das aber nach „Rambo III“ eine Weile lang gar nicht nötig. Die Ära der einsilbigen Ein-Mann-Armee hatte ihren Zenit Ende der 80er bereits merklich überschritten und war dann mit dem Untergang der Sowjetunion vollends obsolet geworden. Die großen Action-Helden benötigten ab sofort etwas, was zu Stallones einsamem Wolf ebenso wenig passte wie Mascara und Nagellack – Selbstironie nämlich. Ausgerechnet im Jahr von Rambos drittem Privatfeldzug eroberte mit John McClane bereits der neue Prototyp des harten Mannes jenes Territorium, das bis dahin Stallone, Schwarzenegger und vielleicht noch Chuck Norris eine Weile lang beherrscht hatten. Verschwitzt, blutend, aber immer einen passenden Spruch im Anschlag – das war jetzt zeitgemäß und ließ den Vorgängertypus wie ein Relikt längst vergangener Testosteron-Tage erscheinen (und gipfelte für Bruce Willis mit „Pulp Fiction“ konsequentermaßen in der absurdesten Variante, die ein solcher Heldentypus zuließ). Stallones Rivale aus der Steiermark schaffte den Sprung fast mühelos und fand einen Weg, sein bisheriges Image nicht nur hinter sich, sondern unter den veränderten Bedingungen sogar noch ein paar Jahre für sich arbeiten zu lassen. Doch hatte Schwarzenegger da auch einen entscheidenden Vorteil – war doch die Identifikation seiner Person mit den Rollen, die ihn berühmt gemacht hatten, weitaus weniger emotional aufgeladen als im Fall seines Kollegen mit den etwas in die Schieflage geratenen Gesichtszügen. Conan gehörte einer archaischen Fantasiewelt an, und der Terminator war eben eine Killermaschine aus der Zukunft (die sich dann rasch auch in moralischer Hinsicht als sehr lernfähig erwies). Diese Figuren ließen sich begeistert konsumieren, mit dem eigenen Leben hatten sie jedoch nichts zu tun. Ganz anders verhielt sich das bei Stallone. Entlang der Entwertung einer durchaus plakativen, aber gerade deshalb auch sehr breitenwirksamen Mischung aus Überlebenswillen und unbeugsamer Kampfbereitschaft, die mit seinen Figuren untrennbar verbunden war und sie zu Orientierungsträgern seines Publikums gemacht hatte, ging auch Stallone selber unter. Ein entscheidender Anteil kam dabei der reaktionären politischen Engführung zu, die John Rambo zur vermeintlich patriotischen Kultfigur eines starken Amerika gemacht und im vierten Film der bis dato völlig apolitischen Rocky-Reihe schließlich auch vom boxenden Underdog Besitz ergriffen hatte.
Stallone brauchte also dringend Abstand von den Figuren, die mit ihm bis zur Ununterscheidbarkeit verbunden waren. Und genau das wollte nicht gelingen. Als Schauspieler, Autor und Teilzeitregisseur hatte er zwei popkulturelle Erfolgsmythen geschaffen, die er nun nicht mehr los wurde. Da half kein Buddy-Movie („Tango & Cash“), kein Überlauf zur anderen Seite („The Specialist“), keine Selbstironie („Demolition Man“) und erst recht keine Komödie („Oscar“ und noch schlimmer „Stop! Or my mom will shoot“) – am allerwenigsten aber der völlig missglückte Ansatz, mit „Rocky V“ 1990 einen zeitgemäßen Neuanfang der Serie zu etablieren. Immerhin einen Achtungserfolg erzielte sein Versuch, sich als Charakterdarsteller, der er ja schließlich irgendwann auch einmal gewesen war, in Erinnerung zu bringen („Copland”), doch da fehlte langfristig einfach das richtige Folgeprojekt (oder die nötige Glaubwürdigkeit). 2001 hatte er dann endlich den Tiefpunkt erreicht, als er mit „Driven“ neben deutschen TV-Sternchen auf einer echten Fondgelder-Gurke ausrutschte und gute (also schiefe) Miene zum bösen Spiel machte. Was folgte, endete zumeist entweder direkt im DVD-Regal oder war ohnehin für den TV-Bildschirm produziert.
Vielleicht war es aber genau dieser Niedergang, der Stallone den irrwitzigen Plan in Angriff nehmen ließ, die beiden alten Weggefährten noch einmal in Gang zu setzen, um zu zeigen, dass er allem äußeren Anschein zum Trotz nichts verlernt hatte und jederzeit wieder aufstehen konnte. Also stieg Rocky doch noch einmal in den Ring, rückbesonnen auf die Räderwerke, die den ersten Teil ans Laufen gebracht hatten, und siehe da – es funktionierte. Die Zeit war reif, das Publikum von früher auf einen echten Nostalgie-Trip zu schicken. Und die Rechnung ging auf. Der Wiederbelebung des Halbindianers mit deutschen Wurzeln stand also nichts mehr im Wege (und war ohnehin schon in Arbeit). Rambo jedoch, dessen letzter Einsatz bekanntermaßen der Befreiung seines geliebten Col. Trautman (die Rolle, für die Richard Crenna in Erinnerung bleiben wird) aus Afghanistan gewidmet war (wo dieser ziemlich erfolglos den Krieg des Charlie Wilson geführt hatte), sollte auf keinen Fall gerade dort wieder auftauchen, wo man ihn vielleicht erwartet hätte, im Irak etwa oder gar in Darfur. Stallone wollte Rambos Wiederbelebung in einem Krisenherd erfolgen lassen, der nicht unbedingt in aller Munde ist.
Die Liste der möglichen Einsatzorte und Konstellationen, in denen John Rambo über die zwei Jahrzehnte seines Verschwindens hinweg wieder ins öffentliche Bewusstsein treten sollte, ist recht vielfältig und reicht im Ergebnis von der bloßen Skizze bis zum fertigen Drehbuch. Eine frühe Idee etwa, von Stallone bereits kurz nach dem dritten Teil in die Diskussion gebracht, sah Rambo im Kampf gegen Umweltsünder im Regenwald (kein Witz). Eine andere Variante schickte ihn auf die Jagd nach Terroristen in Washington D.C., eine weitere spielte sich im Umfeld der UN ab, wo Rambo als Diplomat arbeiten sollte. Doch der Vietnamveteran gehört nun einmal in die freie Natur, und so hatten Konstellationen auf dem Heimatboden keine Chance. Ganz abgesehen davon: Rambo ist kein Patriot, jedenfalls nicht mehr seit den einschneidenden Ereignissen von „First Blood“ (von denen her sich die Figur in all ihren Spielarten ja überhaupt erst definierte). Diese bemerkenswerte, aber auf der Hand liegende Tatsache scheint bei der leidigen Diskussion um das Amerikabild, das im Speziellen der berüchtigte zweite Teil (vermeintlich? Zu Recht?) heraufbeschwört, von allen Beteiligten gerne übersehen zu werden. Rambo, der Krieger, für den der Krieg die Norm und Frieden bloßer Zufall ist, kämpft nicht für das Land, das ihn zuerst benutzt und dann ausgestoßen hat, niemals – da bleibt er sich und seinem Autor Morrell über alle Absurditäten der Serie hinaus durchweg treu. Rambo kämpft für seine Kameraden (Teil II) und seinen Colonel (Teil III), aber nicht für Stars and Stripes. Und so suchte Stallone mit gutem Grund nach einem Krisenherd, aus dem sich die USA lieber raushält.
Schauplatz wird also Birma, und dort auch nur ein Ausschnitt, auf den sich ein einfach gestrickter Film konzentrieren kann, ohne von seinem eigentlichen Zentrum (blutigen Actionsequenzen selbstverständlich) abzulenken. Das Thema ist durchaus interessant und lenkt den Blick auf einen Konflikt, der dem amerikanischen Publikum mit großer Wahrscheinlichkeit mindestens ebenso wenig präsent ist wie es 1988 der Afghanistan-Krieg war („Rambo III“ blieb für lange Zeit immerhin einer von lediglich zwei US-Filmen, die das Thema überhaupt behandelten). Stallones Figur gerät zwischen die Fronten von birmanischer Millitärjunta und dem überwiegend christlichen Volk der Karen, der zweitgrößten Minderheit des Landes. Die Eröffnungssequenz des Films besteht aus einer Montage von realen Filmaufnahmen, die einen ebenso unangenehmen wie unmissverständlichen Eindruck von der Gewalt dieses Konfliktes vermitteln, gefolgt von einer fiktiven Nachbildung birmanischer Tötungsrituale gegenüber der Minderheit, und man vergisst für einen Augenblick, in was für einem Film man sich hier eigentlich befindet. Auch später wird Stallone (als Regisseur) keinen Halt machen vor äußerster Gewalt der Militärs gegenüber Männern, Frauen und Kindern. Das kann man ihm nun vorwerfen und als Gewaltpornografie anlasten, die vorgeschalteten, wohlgemerkt nicht nachinszenierten Newsberichte allerdings halten sich da (wie es Nachrichten so an sich haben) mindestens genauso wenig zurück.
Die exzessive Grausamkeit, die vom Regime ausgeht, und von der Stallones Film im Vergleich nur einen Funken andeutet, reicht zurück bis in den zweiten Weltkrieg. Die Karen hatten den Engländern beim Vertreiben der Japaner aus dem Land Schützenhilfe geleistet, und sich damit indirekt gegen die birmanischen Unabhängigkeitskämpfer gewendet – ein Umstand, der bis heute nachhallt und zu demjenigen beigetragen hat, was Kenner des Regimes unmissverständlich als ethnische Säuberung ausweisen. Eine Dschungelguerilla mit etwa 12.000 Mann bildet die Befreiungsarmee des Volkes, und die Karen National Union setzt sich für einen unabhängigen Staat ein, doch ein Ende des blutigen Konfliktes – auch und gerade bedingt durch ein weitest gehendes Heraushalten der internationalen Gemeinschaft (mit Deutschland als Birmas Hauptpartner für den Import) – ist nicht in Sicht.
Es wundert also wenig, dass ein offizielles birmanisches Regime wenig Interesse an einem Film hat, in dem gezeigt wird, wie das Militär auf grausamste Weise foltert, tötet und vergewaltigt, und in dem das Volk der Karen ausschließlich zu den Opfern gehört. Doch offizielle Verbote reichten nicht aus, um der schnellen Verbreitung von Bootlegs entgegen zu wirken. Ganz im Gegenteil: Rambos für westliche Ohren arg plakative Weisheit „Live for nothing, die for something“ erfreute sich laut Reuters rasch einer zunehmenden Popularität unter Vertretern der Opposition. Und so forderte Stallone als Reaktion auf das Verbot seines Films die birmanischen Militärs auch schnell mal direkt zur offenen Konfrontation heraus – mit großer Geste zwar, aber selbstverständlich vom sicheren Heimatboden aus.
Ob die Rückkehr des wortkargen Einzelkämpfers nun tatsächlich die Aufmerksamkeit für die Menschenrechtsverletzungen der Region merklich erhöht, sei einmal dahin gestellt. Für Stallone selber aber hat das Konzept mit seinen Folgeerscheinungen genau dasjenige bewirkt, was für seine Reputation dringend notwendig war – nämlich eine glaubhafte Wiederannäherung von Person und Rolle, und das ganz ohne fragwürdigen politischen Beigeschmack. Und so lässt sich seinem Alter Ego mit der nötigen Nostalgie und einem angenehmen archaischen Grundgefühl (beides getragen von Jerry Goldsmiths immer noch atemberaubendem Originalthema aus „First Blood“, das einem schmerzlich klarmacht, wie sehr das Kino einen derartigen Ausnahmekünstler heute vermisst) dabei zusehen, wie er mithilfe einer Handvoll Söldner ein paar amerikanische Missionare aus den Händen der birmanischen Militärs befreit – und das ganz ohne Netz und doppelten Boden in einem Film, welcher mit seinen knapp 80 Minuten Erzählzeit eigentlich eher wie ein verspäteter Epilog auftritt, der einfach dringend noch ein paar unausgesprochene Dinge auf den Punkt bringen wollte.

Artikel © 2008 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
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