DER KRIEG DES CHARLIE WILSON

Chasing pussy and killing communists.

Indien, Pakistan, Afghanistan, wo ist da schon der Unterschied? Dass die beiden hübsch anzusehenden, aber ansonsten nicht allzu hellen Ladies aus dem Auszieh-Gewerbe, mit denen Charlie Wilson da im Whirlpool sitzt, all die seltsamen Länder, in denen die Männer Turbane tragen, schon mal miteinander verwechseln, das lässt sich leicht verschmerzen. Ein paar Jahre später allerdings, als sein Gegenüber im Bewilligungsausschuss eine ähnliche Ignoranz beweist, sieht das schon ganz anders aus. Denn dazwischen liegt immerhin in etwa eine Milliarde Dollar, die Charlie den Mudschaheddin beschafft hatte, um die Sowjets aus dem Hindukusch zu vertreiben, und da sollte durchaus mal eine Million für den Wiederaufbau drin sein. Stattdessen vergeigt Amerika das Endspiel und geht ungeachtet aller nachfolgenden Programme lieber vorzeitig in die Werbepause. Die feine Art ist das nicht, aber wen schert schon eine Handvoll schnell fanatisierter Freiheitskämpfer in – wo noch mal?

Tatsächlich war Afghanistans politische Brisanz zu dem Zeitpunkt, da der texanische Kongressabgeordnete Charlie Wilson 1980 eigenhändig mal schnell die schwarze Kasse für den dortigen Kampf gegen die sowjetischen Invasoren um 100% aufstocken ließ und in der Folge eine der größten verdeckten CIA-Operationen der Geschichte anzettelte, einer breiten amerikanischen Öffentlichkeit genauso wenig ein Begriff wie der Mehrheit der politischen Entscheidungsträger im Land. Als die Rote Armee ihre letzten Truppen 1989 schließlich abzog, hatte sich die Wahrnehmungslage aber immer noch nicht geändert, und was folgte, ist aus Sicht des neutralen Beobachters im Grunde noch absurder als Wilsons hemdsärmeliger Schildbürgerstreich selbst und ein konsequenzreiches Beispiel für echte politische Kurzsichtigkeit und fehlgelaufene Geheimdienstarbeit. Nur im Ansatz wird dem Journalisten George Crile vermutlich klar gewesen sein, welche Untiefen seine in den späten 80er Jahren begonnenen Recherchen über die Rolle des rührigen Texaners zu Tage fördern würden. Kein Wunder also, dass seine 2003 erschienene Rekonstruktion unter dem Titel „Charlie Wilson’s War“ inhaltlich daherkommt wie Tom Clancy auf Speed – nur dass eben kein einziges Wort erfunden ist. Wilson selber hatte ihn anlässlich eines für die CBS produzierten Features zu einer gemeinsamen Faktensuche im Mittleren Osten eingeladen, und Crile staunte nicht schlecht angesichts der allseitigen Verehrung, die Wilson in Saudi Arabien, Kuwait und dem Irak entgegengebracht wurde. Der saudische Verteidigungsminister brachte es auf den Punkt, als er dem Congressman eine größere Suite zuwies als dem damaligen Vizepräsidenten George Bush Sr. – Charlie Wilson hatte schließlich den Krieg Afghanistans gegen eine moderne Supermacht gewonnen, und dem gemäß wurde er auch behandelt. Umso unverständlicher mussten dem Journalisten das Unwissen und die Gleichgültigkeit an der Heimatfront erscheinen – und das angesichts der entscheidenden Rolle, welche der USA bei dieser epochalen Entwicklung in der muslimischen Welt durch Wilsons Initialzündung zugefallen war. Hatte man die Tragweite dessen, was hier geschehen war, möglicherweise gar nicht begriffen?

In Aaron Sorkins Version der Geschichte jedenfalls tappen die meisten Entscheidungsträger ziemlich im Dunkeln, verkleiden sich lieber als Weihnachtsmänner oder stimmen als konservative Amerikaner inmitten einer Handvoll Gotteskrieger auch schon mal vor lauter Begeisterung in ein kollektives „Allahu Akbar“ ein. Von Durchblick ist hier nicht viel zu spüren. Umso mehr liegt es auf der Hand, dass schon eher diejenigen klar sehen, denen man genau das eigentlich gerade nicht zutrauen würde: Ein nur bedingt linientreuer CIA-Eigensinnler, der schon mal gerne die Glaswand im Büro seines Vorgesetzten kurz und klein schlägt, eine texanische Ölbaronin (via Ehering), die viel von doppelten Martinis hält und Ihre Augenwimpern gewohnheitsmäßig mit einer Sicherheitsnadel in die richtige Position bringt, und natürlich jener Abgeordnete, der sein Büro vorzugsweise mit hüftschwingenden Sekretärinnen ausstattet („You can teach them how to type, but you can’t teach them how to grow tits“), sich bei Gelegenheit eine Nase Koks gönnt und überhaupt aufgrund seiner lockeren Lebensführung in erster Linie als „Good Time Charlie“ bekannt ist. Sorkins Version geht die Angelegenheit also ziemlich gelassen an: „A stiff drink. A little mascara. A lot of nerve. Who said they couldn’t bring down the Soviet empire?”

Und so ist die Geschichte mit pointierten Dialogen und ohne überflüssige Schlenker zügig erzählt. Keine 100 Minuten dauert das Spektakel um strategische Taschenspielertricks, ahnungslose Volksvertreter und den Untergang der Sowjetunion. Das bringt eine Menge Verkürzungen, Zuspitzungen und karikaturhafte Überhöhungen mit sich, die sich angesichts eines in Wahrheit gar nicht so lustigen Sujets nur die Komödie erlauben kann. Wilson, der ganz nebenbei zu einem Dutzend von Würdenträgern gehörte, die für die Finanzierung von Geheimdienstoperationen zuständig war, hatte sich mit der spontanen Verdopplung des Afghanistan-Budgets im Grunde ein Exklusivrecht des Präsidenten zueigen gemacht. Und obwohl die Summe von 10 Millionen Dollar hinsichtlich ihres Effektes vor Ort so unbedeutend ausfiel, dass sie für den KGB noch nicht einmal eine Aktennotiz wert war, ist Wilsons eigenmächtige Vorgehendweise exemplarisch für den gesamten Prozess. Die allgemeine Laissez-faire-Haltung, die der Problematik über weite Strecken entgegengebracht wurde, ermöglichte dem texanischen Churchill-Bewunderer einen relativ unwidersprochenen Durchmarsch. Ganz nebenbei verbündete er so mithilfe seines CIA-Partners Gust Avrakotos den pakistanischen Regenten Muhammad Zia-ul-Haq  (der einst die 325 Millionen Dollar aus Jimmy Carters schwarzer Kriegskasse für Pakistans Kampf gegen die Sowjets als „Peanuts“ verlacht hatte und dann später als erster Wilsons Errungenschaft in den Worten „Charlie did it“ auf den Punkt brachte) mit seinen ideologischen Erzfeinden auf israelischem Boden – um dann Stinger-Raketen per Maulesel zu den Mudschaheddin transportieren zu können. Jemand mit einem weniger sonnigen Gemüt als „Good Time Charlie“ hätte hier schnell zur unkontrollierbaren Gefahr werden können.

Doch solche Bedenken streift Sorkins Variante nur am Rande, und das kann sich der Film unter der äußerst gelassenen Regie von Mike Nichols auch gerne erlauben. Figuren, die durch einen unerwarteten Anstoß von außen einen eher unkonventionellen Weg zu ihrer eigentlichen Natur finden, am Ende aber genau deshalb am System scheitern, sind Nichols ohnehin die liebsten, und da reiht sich der im Flüchtlingscamp geläuterte Charlie Wilson gut ein. Ein bisschen wie die Screwball-Version von Spielbergs Schindler kommt er daher und entpuppt sich schnell als eine Art moralisch unbedenklicher J.R. Ewing (träumt doch sein Whirlpool-Kollege zu Beginn ohnehin von einer Art „Dallas“ in Washington). Tom Hanks kann das alles mit leichter Hand in sich vereinen und bekommt so ganz nebenbei nach einer langen Durststrecke erfreulicher Weise einmal wieder eine gute Gelegenheit zu zeigen, wie man eine Rolle so anlegen kann, dass sie hilarious and serious zugleich ausfällt, ohne sich in Widersprüchen oder Aufgesetztheiten zu verfangen. Das verschafft seinem Charakter jede Menge Sympathiepunkte und hält im angenehm flüssigen Zusammenspiel mit dem etwas bärbeißigen Charme von Philip Seymour Hoffmans Darstellung des CIA-Pragmatikers Avrakotos (den gemäß eigener Aussage mit Wilson zweierlei verband: „Chasing pussy and killing communists“) und der promiskuitiven Arroganz, die Julia Roberts ihrer Figur mit auf den Weg gibt, die Dynamik des Films in Gang (die echte Joanne Herring hätte sich da gerne etwas christlich-konservativer gesehen und konnte mit teurer Anwaltschaft im Rücken zumindest erzielen, dass ihr Charakter weniger Gossensprache in den Mund nehmen musste – auf Martinis und Promiskuität ließ sich zur allgemeinen Erleichterung jedoch nicht verzichten).

Es wäre wünschenswert, dass „Der Krieg des Charlie Wilson“ nur die erste von vielen denkbaren Varianten wäre, die sich der Geschichte nähern. Das Potential ist immens, und der Blick auf die Funktionsweise amerikanischer Kongresspolitik ebenso erhellend wie beunruhigend. Immerhin lässt Charlie Wilson keinen Zweifel daran, warum der Kongress gerade dann nichts unternimmt, wenn es am nötigsten wäre, und seine Antwort ist ebenso schlicht wie überzeugend: „Zum Großteil aus Tradition.“

Artikel © 2008 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: Universal Pictures International Germany GmbH

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