MY BLUEBERRY NIGHTS

By Thomas Lenz

Geraubte Küsse.

Den einen oder anderen Puristen wird merkliches Unwohlsein überkommen haben, als bekannt wurde, dass Hongkongs populärster Autorenfilmer seinen nächsten Film auf amerikanischem Boden stattfinden lassen würde. Dabei konnte eine westliche Cineastenmeute im Zuge von „Chungking Express“ Mitte der 90er kaum eilig genug darauf bestehen, den allzeit sonnenbebrillten Regiemeister mit erinnerungslastiger Kindheit in Shanghai flugs zum chinesischen Tarantino zu erklären (wozu auch der Namensgeber selber eifrig beitrug), und ihn damit als einen der ihren einzugemeinden. Dass man mit diesem Stempel allerdings eher etwas voreilig hantiert hatte und schon früh gut damit beraten gewesen wäre, im Kino Wong Kar Wais mehr Truffaut in Technicolor als Godard on Acid auszumachen, hat sich mittlerweile stillschweigend bewahrheitet. „My Blueberry Nights“, Wongs mit reichlich Vorschussbedenken und gemischten Gefühlen erwartetes US-Debüt, bildet dabei keine Ausnahme. Denn auch und gerade unter dem Vorzeichen von Stars and Stripes ist dieser Film vielleicht der bislang französischste seines Autors.

Das hat sicherlich auch mit einer gewissen Leichtigkeit zu tun, wie man sie aus den großen Melodramen des Chinesen wenn überhaupt, dann nur sehr peripher kennt. Und genau dort setzt erwartungsgemäß der wesentliche und vielvertretene Kritikpunkt eines gewissen ästhetischen Formalismus an, mit dem der Filmemacher eine möglicherweise allzu seicht geratene Tiefenschärfe von Geschichte und Charakterzeichnung breitflächig überlagert haben mag. Gefällig, belanglos und wenig nachhaltig sei das, was Wong diesmal biete, in etwa so wie die Musik der Hauptdarstellerin Norah Jones oder der titelgebende Blaubeerkuchen, den im Film aus unerklärlichen Gründen niemand essen will. Das ist leicht behauptet und argumentiert, denn hinsichtlich melancholischer Gewichtigkeit kann es der Eröffnungsfilm der 2007er Filmfestspiele von Cannes kaum mit seinen unmittelbaren Vorgängern aufnehmen. Die entscheidende Frage dabei ist allerdings, ob das tatsächlich auch ein notwendiger Anspruch sein muss.

Im Anschluss an „2046“ hatte der Filmemacher verkündet, dass so ziemlich das Letzte, was er als nächstes machen wollte, ein weiterer Wong-Kar-Wai-Film sei. Die zur Perfektion getriebene, am Rande des Manierismus operierende ästhetische Gleichförmigkeit des direkten Nachfolgers von „In the Mood for Love“ hatten Wongs künstlerische Spannweite möglicherweise in eine Art Sackgasse laufen lassen und ganz nebenbei auch die öffentliche Wahrnehmung seines Schaffens merklich enggeführt. Dabei deckt seine Karriere mit 9 Spielfilmen unter eigener Regie und (eigenen Angaben zufolge) rund 60 Drehbüchern eigentlich ein ziemlich breites Genre-Spektrum ab, und daran sollte sich wohl auch in Zukunft nichts ändern. So mag der Sinneswandel, Drehortwechsel und Verzicht auf stilprägende Weggefährten vor der Kamera (Tony Leung und Maggie Cheung), vor allem aber auch dahinter (Darius Khondji ersetzt relativ unsichtbar Christopher Doyle) der Versuch gewesen sein, echter künstlerischer Stagnation entgegenzuwirken – vom wirtschaftlichen Nutzen einmal ganz zu schweigen. Seit 2005 hatte er bereits einige gut dotierte Commercials mit englischsprachigen Darstellern wie Clive Owen, Sharon Stone, Brad Pitt oder Eva Green realisiert und sich dabei mit großer Wahrscheinlichkeit nicht nur inhaltliche, sondern vor allem auch materielle Türen geöffnet. „My Blueberry Nights“ liest sich vor diesem Hintergrund nur wie der konsequente nächste Schritt, muss aber deshalb keinen Abfall vom Glauben bedeuten.

Ganz im Gegenteil bewegen sich die Figuren des Films durchaus im Universum des Filmemachers – nur mit dem Unterschied, dass die wirklich tragischen Konflikte durch den Filter einer Hauptfigur abgemildert werden, deren lebensbejahende Naivität es erlaubt, das Schicksal anderer mehr oder weniger als ein Lehrstück zu begreifen, das sich nach Abschluss der Lektion ablegen lässt, ohne dass man selber Schaden nehmen müsste. Die Besetzung mit Norah Jones ist aus dieser Sicht ein echter Glücksfall, denn ihr routinefreier Zugang zur Schauspielerei prägt den weltoffenen und unverkrampften Charakter Ihrer Rolle ebenso wie die ecken- und kantenlose Leichtigkeit, die sie mit ihrer musikalischen Vorgeschichte unvermeidlich assoziativ bei sich trägt. Ihre Figur Elizabeth wird im Verlauf der Geschichte ihren Namen zweimal variieren und dabei immer ein Stück ihrer alten Identität ablegen. An Begegnungen mit Menschen wird sie reifen, deren Lebensweg irgendwie aus der Spur geraten ist. Der Café-Besitzer Jeremy (Jude Law, möglicherweise zum ersten Mal seit „Road to Perdition“ nicht deplaziert), dessen Träume von der Teilnahme an den großen amerikanischen Marathonläufen sich nie wirklich erfüllt haben, ist der Seelenverwandte, der ihre Geschichte in Gang setzt und sie schlichtweg wach küsst. Es sind geraubte Küsse, die er der schlafenden Elizabeth von den eiscremeverzierten Lippen stiehlt, aber sie schicken sie doch hinaus in die Welt (die in Amerika selbstverständlich immer durch die eigenen Landesgrenzen definiert ist) und bringen sie am Ende auch wieder zu ihm zurück. – Im Grunde sind es drei Geschichten, welche die Koordinaten der Erzählung bilden, und Elizabeth wird zum narrativ verbindenden, inhaltlich jedoch weitestgehend passiven Handlungsträger. Am kraftvollsten, weil tragischsten erweist sich dabei die mittlere der drei Episoden, in der mit besonderer Nachhaltigkeit das Zerbrechen zweier Menschen (fantastisch: David Strathairn und Rachel Weisz) in den Mittelpunkt rückt, die auf unterschiedliche Weise am anderen zugrunde gehen.

Ein in gewohnter Weise eher musikalisch als narrativ strukturiertes Motivgeflecht aus Erinnerungen, Sehnsüchten und unüberwindbaren Abgründen zwischen den Charakteren, die nur der Tod schließen kann, die Manifestation von Stationen des Handelns in materiellen Spuren (Schlüssel, Videoaufzeichnungen, Jetons, Belohnungschips) und das Setzen einer individuellen Symbolsprache wird optisch zusammengehalten durch ein einheitliches visuelles Stilkonzept aus Unschärferelationen, Zeitverzögerungen und einer stringenten Farbdramaturgie. Darin bleibt „My Blueberry Nights“ ganz integrativer Bestandteil von Wongs Filmographie. Ob die neu gewonnene Leichtigkeit allerdings dort nur zur Episode taugt oder sich tatsächlich langfristig durchsetzen kann, wird sich erst noch zu zeigen haben.

Artikel © 2008 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: Prokino Filmverleih GmbH

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