DER NEBEL

Geschlossene Gesellschaft.

Filmkritik: Der Nebel (The Mist)Am Genick aufgehängt werden sollte jeder, der verrät, mit welcher Variante Frank Darabont in seiner Filmversion Stephen Kings klassische Gruselmär um geschlossene Gesellschaften und Monster, die im Nebel lauern, enden lässt. So jedenfalls fordert es mit einigem Nachdruck und, um im Bild zu bleiben, dem ihm eigenen Galgenhumor kein Geringerer als der Autor selbst. Seine Mutter habe das Ende nie so richtig gefallen, und deren Meinung sei ihm immer am wichtigsten gewesen. Schön also, dass Mrs. Kings Urteil nun mehr als ein Vierteljahrhundert später endlich einer ziemlich wirksamen Exekutive unterzogen wurde – wenn auch nur posthum.

Überhaupt, die große Schwäche des Meisters lag schon immer darin, eine Geschichte zufriedenstellend zu beenden. Ausufernd, unentschlossen, ernüchternd oder belanglos – die Liste ließe sich beliebig erweitern. Stephen King kann sich von seinen Plots und Charakteren eben nur ganz selten gebührend verabschieden. Doch da steht er nicht alleine, und die Angst vor dem Finale schwebt als ziemlich bedrohliches Damoklesschwert bekanntermaßen ganz besonders über den Köpfen der großen Studios. Denn mit den letzten Minuten eines Films muss das Publikum fortan leben, und von ihnen her bestimmt sich der an Nachwirkung reichste Eindruck – und damit der Wille zur Weiterempfehlung. Wie gewichtig dieser Faktor ausfällt, belegen die zahllosen Alternativenden aus fehlgeschlagenen Testvorführungen, die heute zum DVD-Standardbonusmaterial gehören und einem im Nachhinein gehörig den Spaß verderben können. Die Autorität einer Geschichte bestimmt sich nun einmal schon dem Wort nach immer noch vom Autor her, und wenn der sich nicht sicher ist, muss sich sein Publikum wohl oder übel alleingelassen fühlen. Frank Darabont weiß das ziemlich genau, und so bleibt Kings Finale im eigentlichen Sinne auch unberührt. Oder eben genau nicht, und darin liegt die entscheidende Stärke dieser Variante, die Mrs. King hoffentlich gefallen hätte. Obwohl – aber nein, mehr zu sagen würde den Strick bedeuten.

Bemerkenswert ist, wie gut Kings Marketingtrick funktioniert, denn offensichtlich ist kaum ein einziger Artikel zum Film in der Lage, sich einer wie auch immer gearteten Stellungnahme zum alternierten Ende zu enthalten (Beispiel siehe oben). Im Wesentlichen ist man sich jedoch einig, dass einem Darabonts Lösung nicht wirklich gefällt, nur kann man ja nicht sagen warum (und könnte es vermutlich auch nicht, wenn man denn dürfte). Was da wie die trotzige Reaktion eines Kindes aussieht, dem man nicht erlaubt, überall dort zu spielen, wo es ihm gerade passt, ist vermutlich das Resultat einer falschen Erwartungshaltung, und die erstreckt sich auf den gesamten Film. Das liegt an zweierlei. Zum einen ist „The Mist“ nach „The Shawshank Redemption“ und „The Green Mile“ bereits Darabonts dritte (mit dem Kurzfilm „The Woman in the room“ eigentlich vierte) King-Verfilmung und leidet so unter dem Druck der Vorgänger. Zum anderen könnte sich das Sujet nicht merklicher von den beiden anderen Filmen abheben, denn im Gegensatz zu diesen ist „The Mist“ klassischer Horror, wenn auch in der King-Variante. Darabont muss es also nicht nur seinen bisherigen Fürsprechern recht machen, sondern auch noch den Vorgaben eines eingefleischten Genre-Publikums entsprechen – von der King-Gemeinde, den Kingianern etwa (oder Kingonen?) ganz abgesehen. Keine leichte Aufgabe also.

Dabei ist sein Film so werkgetreu, wie man es sich nur wünschen kann (was sich von der überwiegenden Zahl aller sonstigen King-Verfilmungen nun beim besten Willen nicht sagen lässt), und alle Abweichungen vom Original fallen äußerst behutsam zugunsten der Geschichte und ihrer Charaktere aus. Das alleine ist in der langen Liste von Leinwand- und TV-Produkten, die sich in irgendeiner Weise die Marke Stephen King auf die Fahne geschrieben haben, eine echte Seltenheit und hat damit zu tun, dass Darabont von all seinen Kollegen nicht nur der größte Fan des Autors ist, sondern auch als einziger wirklich begriffen hat, welches Prinzip hinter dessen massivem Erfolg steht und seinen immensen Output im Innersten zusammenhält. Das zu beweisen fällt anhand eher unüblicher King-Stoffe recht leicht, weil keine Geister, Monster, Untote und sonstige Angstmacher aus dem Schreckenskabinett der Popkultur jeglicher Charakterzeichnung im Weg stehen und Aufmerksamkeit für sich beanspruchen (und damit den Filmemacher vor eine Aufgabe stellen, der sich die meisten lieber entziehen). Der Schritt ins archetypische Territorium des Autors fällt von dorther selbstredend umso schwerer – und das vor allem für Publikum und Kritik. Rob Reiner hat es deshalb auch vorgezogen, seinem Achtungserfolg von „Stand by me“, der ersten sozusagen horrorfreien King-Verfilmung, mit „Misery“ einen Stoff folgen zu lassen, der sich ohne Monster und übernatürliche Fähigkeiten immer noch leicht unter der Dachmarke eines Psychothrillers verkaufen ließ, und Lawrence Kasdans in der ersten Hälfte exzellentem „Dreamcatcher“ ist die völlige Unfähigkeit im Umgang mit Kings wilden Alien-Fantasien im Verlauf der Geschichte sichtbar anzumerken. Darabont allerdings ist dieses Problem fremd, und so rettet er einiges von Kasdans guten Ansätzen in seinen eigenen Film herüber (darunter auch „Punisher“ Thomas Jane, der optisch zwar als jüngerer Bruder von Christopher Lambert durchgehen mag, sich inhaltlich aber so perfekt in die Riege unfreiwilliger Helden des King-Universums einfügt, dass man sich dringend zeitgemäße Remakes von „Pet Sematary“ und „Salem´s Lot“ mit ihm in der Hauptrolle wünscht).

Die Geschichte funktioniert recht einfach und bietet jedem, der bisher die Finger von Stephen King gelassen hat, einen kompakten Einblick in die Funktionsweise seiner Arbeit. Nach einem heftigen Sturm wird eine amerikanische Kleinstadt von mysteriösen Nebelwänden heimgesucht, die sich so rasch verdichten, dass bald schon alles Leben zum Stillstand kommt. Eine recht heterogene Gruppe von Einheimischen und Wochenendlern verschanzt sich in einem Supermarkt, um die Lage abzuwarten. Schnell jedoch wird offensichtlich, dass draußen im Nebel eine Bedrohung lauert, mit der weder physisch noch psychisch fertig zu werden ist. Bei dem verzweifelten Versuch, einen Ausweg aus der zunehmend dramatischer werdenden Lage zu finden, spaltet sich die Gruppe, und die Dinge nehmen ihren unguten Lauf.

Enklavische Konstellationen bestimmen alle vier Verfilmungen Darabonts, nur sind sie bei „The Mist“ der eigentliche Motor der Geschichte. Ästhetisch findet das seinen Niederschlag in der fiebrigen Kamera-Arbeit von Ronn Schmidt, den Darabont anlässlich eines Intermezzos bei der Cop-Serie „The Shield“ kennen lernte. Schmidt bringt einiges vom visuellen Stil der Serie mit, und das verleiht dem Film eine interessante Rohheit, die den beiden Vorgängern abgeht und die gefährlichen Spannungen zwischen den Charakteren in den Mittelpunkt rückt, noch bevor diese eruptiv werden. Ähnlich roh gibt sich das Produktionsdesign, das für Interieur und Warensortiment des Supermarktes nahezu keine Farbabstufungen zulässt. Rot, Gelb, Blau und Grün gibt es im Wesentlichen nur in einer einzigen plakativen Temperatur. Nuancen gehen unter, und so wird es im Verlauf auch dem Konflikt der Charaktere ergehen.

Nur wenige Angriffe der Kreaturen aus dem Nebel gibt es zu sehen, aber diese geraten dafür umso effektiver (eine Seite des Films, die mancher seinem Regisseur vielleicht nicht unbedingt zugetraut hätte). Dass sich parallel dazu aber ein gefährlicher religiöser Fanatismus breit macht, der dem Bedrohungspotential der Monster von außen in nichts nach steht, ist keine Erfindung Darabonts. Ein bisschen intensiviert und zugespitzt hat er das Motiv, aber das Grundkonzept setzt sich bereits in Kings Vorlage durch. Das ist umso interessanter, als es den einen oder anderen dazu bewogen hat, die Konfliktsituation von „The Mist“ als Bestandsaufnahme der Folgen amerikanischer Bedrohungspropaganda zu lesen. Das mag man tun oder auch lassen, Tatsache ist, es bleibt bekanntermaßen der Schlaf der Vernunft, aus dem die Monster geboren werden, und diesen Gedanken spielen King und Darabont mit einiger Aufmerksamkeit durch. Ob sich das allerdings auch auf eine mögliche Lesart des Finales auswirken mag, sei als offene Frage mit auf den Weg gegeben. Denn an dieser Stelle mehr zu sagen, könnte einem bekanntermaßen das Genick brechen.

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Der Nebel (The Mist). Plakat: Senator Entertainment AG

Artikel © 2008 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: Senator Entertainment AG

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