I AM LEGEND

By Thomas Lenz

God still loves us.

Archetypen der Popkultur beziehen ihre Wirkungskraft vor allem aus der Tatsache, dass ihre geistigen Väter für ein breites Publikum weitestgehend anonym bleiben und hinter dem Virus verschwinden, den sie in die Welt gesetzt haben. In gewissem Sinne unterscheiden sich die dahinterstehenden Prozesse nur unwesentlich von den mündlichen Überlieferungen, die einer Kultur ihr geistiges Fundament liefern. Der wesentliche Unterschied heute ist allerdings, dass die zentralen Player der Popkultur ziemlich genau wissen, von wem sie abstammen, und um sich vom Vorwurf des Diebstahls rein zu waschen, haben sie das Werkzeug der Hommage erfunden, das es ihnen erlaubt, ungehemmt im Motivwald ihrer geistigen Väter herumzuwildern. Zu letzteren zählt ganz zweifelsohne der amerikanische Schriftsteller und Drehbuchautor Richard Matheson. Dessen thematisches Spielfeld befindet sich irgendwo im Grenzbereich von Horror und Science-Fiction, und man kann mit einigem Recht behaupten, dass Matheson für die wesentlichen Motive unserer gegenwärtigen popkulturellen Angstfantasien die Verantwortung trägt. Nicht umsonst etwa lässt sich Stephen King bei Gelegenheit dazu hinreißen, ihn als seinen eigenen geistigen Vater auszuweisen, und zwar im gleichen Maße „wie Bettie Smith die Mutter von Elvis war“. Kann man es bescheidener formulieren? Vermutlich nicht.

Matheson verschwindet ganz und gar hinter den Namen und Formaten, denen er Impulse und geistige Nahrung verschafft hat. „The incredible shrinking man“ gehört Jack Arnold, “Duell” selbstverständlich Steven Spielberg, Cormans Poe-Verfilmungen eben Corman, und die “Twilight Zone”, für die Matheson einige der stilbildendsten Episoden verfasst hat (etwa William Shatners Gremlin-Erscheinung auf der Tragfläche eines Pasagierflugzeugs), steht für alle Zeiten unter dem Namensrecht von Rod Serling. Doch die über 100 Drehbücher, 27 Romane und zahllosen Kurzgeschichten, die Matheson seit 1950 publiziert hat, fanden auch ganz unabhängig von ihrem Autor einen Weg ins kollektive Bewusstsein, und weniges belegt dies direkter und offensichtlicher als der immense Erfolg von „I am Legend“, der mittlerweile dritten Filmversion von Mathesons gleichnamigen Roman aus dem Jahr 1954.

Die Geschichte des letzten Menschen auf Erden, der auf seltsame Weise nicht einer bakteriell verursachten Pandemie zum Opfer gefallen ist, erschien 1964 zum ersten Mal auf der Leinwand, auf europäischem Boden billig produziert und mit deutlicher Distanzierung von Seiten des Autors. Aber auch die beiden weiteren Verfilmungen bewegen sich in entscheidenden Punkten weit vom Roman weg, ohne dessen Einfluss auf das Genre dadurch jedoch auch nur im Ansatz einzuschränken. Sein ungewöhnliches Sujet stellte den Protagonisten in eine Welt, deren verbleibende Überlebende an Vampirismus erkrankt sind – ein Tatbestand, der sie tagsüber im Dunkeln hält und nachts auf die Jagd nach frischem Blut treibt. So ist die Hauptfigur ihr Jäger bei Tag und ihr potentielles Opfer bei Nacht. Doch der Virus scheint im Grundsatz heilbar, denn Teile der Infizierten sind in der Lage, die Erkrankung (andeutungsweise verursacht durch Umweltmutationen infolge atomarer Verseuchung) mithilfe eines Impfstoffes für kurze Zeit einzudämmen. Anstatt aber die Chance auf Heilung im Blut des einzig Gesunden zu sehen, fürchten sie seine Macht über Leben und Tod und richten ihn schließlich hin. – Was sich in der Romanvorlage heute wie ein Konglomerat aus kanonischen Motiven moderner Vampir- und Zombiefabeln liest (inklusive eines vor allem in den Vampirfilmen der 80er beliebten HIV-Beigeschmacks), ist tatsächlich eine Art Protoyp und Blaupause für so ziemlich alles, was sich seit „Night of the living dead“ in den zugehörigen Genreauswüchsen getan hat und selbst bis in die Haarspitzen einer albernen Trash-Kinderei wie „Planet Terror“ Punkt für Punkt heruntergebetet wird.

Streng besehen eigentlich ein Remake der zweiten Filmversion (des berüchtigten Charlton-Heston-Vehikels „The Omega-Man“ von 1971), erfüllt sich für den Rechteinhaber Warner mit der aktuellen Verfilmung nun endlich ein langgehegter (und aufgrund seines dollarsprudelnden Siegeszuges vermutlich recht feuchter) Traum. Mit einer Produktionsgeschichte, die bis in die Mitte der 90er Jahre zurück reicht, waren es vor allem die immensen Kosten, die das Projekt immer wieder in der Planungsphase stecken bleiben ließen, dem Zuschauer aber dankenswerter Weise vor allem Konstellationen um Michael Bay oder Tom Cruise ersparten (der es sich bekanntermaßen nicht nehmen ließ, dann doch wenigstens im Rahmen von „Vanilla Sky“ eine Mikroversion apokalyptischer Großstadtleere durchzuspielen). Einer Realisierung am nächsten kam Ridley Scotts Version von 1997, doch auch die Einbindung des bereits auf dem absteigenden Ast befindlichen Kassenmagneten Schwarzenegger konnte das massive Budget nicht bedenkenlos rückversichern. Und so verschwand die Geschichte erst einmal wieder in der Schub(oder auch Bundes)lade.

2006 sah die Lage dann schon ganz anders aus. Das durchschnittliche Budget für eine Studiogroßproduktion hatte längst die 100-Millionen-Dollar-Marke überschritten, und Peter Jackson hatte in seinem „King Kong“-Remake bewiesen, dass sich eine Großstadt mittlerweile problemlos und detailgetreu digital nachbauen ließ. Auf inhaltlicher Ebene waren zudem die Untoten auf die Leinwände zurückgekehrt und hatten sich als salonfähig (also massentauglich) und deshalb ausgesprochen kassenträchtig erwiesen. Titel wie „28 days later“, die „Resident Evil“-Serie oder Zack Snyders „Dawn of the dead“-Remake hatten neben einer ganzen Reihe weiterer Produktionen gezeigt, dass das Genre des Zombiefilms so wenig tot war wie seine Protagonisten, sondern eine überaus erfolgreiche Wiedergeburt im Mainstream erfahren hatte. Diesen Umstand verdankt das Kino in erster Linie aber nicht dem Zeitgeist seines eigenen Umfelds, sondern der Computerspielindustrie mit ihren Ego-Shootern, in deren Fadenkreuz so ziemlich alles genommen wird, was sich irgendwie vorwärtsbewegen kann. Und da gehören Monster und Mutanten unterschiedlicher Typologie und Güteklasse zum standardmäßigen Hauspersonal. Die Zeit hätte also kaum reifer sein können, und so befindet sich „I am Legend“ über weite Strecken auch folgerichtig irgendwo im Zwischenreich von Kino, Xbox und Playstation 3. Es ist vermutlich nicht übertrieben zu sagen, dass Regisseur Francis Lawrence hier die beste aller möglichen Konsolenspiele-Adaptionen hingelegt hat – freilich ohne dass jemals überhaupt eine Gamevorlage existiert hätte. Warners Marketingabteilung machte sich diesen Tatbestand zunutze und installierte unter dem Titel „I am Legend: Survival“ in gutgelauntem Größenwahn einen kostenlosen Multiplayer-Shooter in der virtuellen Umgebung von Second Life. Deutlicher geht es kaum.

Die Mühe hat sich gelohnt, denn der Film spielt unfassbares Geld ein – und das zu Recht. Die Schauwerte des menschenleeren New York sind so aufregend, dass man kaum genug kriegen kann, und einige sparsam und deshalb gut dosierte Spannungssequenzen pressen den Zuschauer förmlich in den Sitz. Dass allerdings ausgerechnet der Musikvideoregisseur Francis Lawrence (dessen von Grund auf unterschätztes Spielfilmdebüt „Constantine“ dringend einer Revision unterzogen gehört) über weite Strecken großen Wert auf Stille legt, verleiht dem Film eine kontemplative Stimmung, die im großangelegten Hollywood-Kino Ihresgleichen sucht – und das lässt sich gar nicht hoch genug schätzen.

Inhaltlich bietet „I am Legend“ nichts wirklich Neues. Das ist unbestreitbar und hat vor allem damit zu tun, dass die Romanvorlage zum Zeitpunkt ihres Erscheinens schulemachend war, und die aktuelle Verfilmung deshalb heute alles dransetzen muss, ihren Archetypen nach einem halben Jahrhundert Filmgeschichte noch gerecht werden zu können, ohne dabei in Klischees abzugleiten. Im Grunde gelingt das vor allem deshalb, weil sich das menschliche Drama des Protagonisten vor einer derartig gigantischen Kulisse abspielt, dass Größenverhältnisse in den Mittelpunkt rücken, ohne in Selbstzweckhaftigkeit abzudriften. Und wie in so vielen New-York-Filmen spielt die Stadt mehr oder weniger die Hauptrolle, hier allerdings, nach 9/11, erscheint sie durch und durch aufgeladen mit einem unangenehmen Gefühl des Möglichen, und das verleiht den Bildern ihre bedrückende Schönheit.

Nicht zuletzt provozieren derartige Größenverhältnisse aber natürlich auch den Bezug zu einem wachenden Schöpfergott, der offensichtlich zulässt, dass die Welt zugrunde geht. Diese Konstellation lässt sich im amerikanischen Kino nicht ungestraft umgehen und muss wohl oder übel nicht nur zwangsweise thematisiert, sondern auch eindeutig beantwortet werden (und zwar schon früh vorab, wenn Will Smith mit einem bemerkenswert blitzblanken Sportwagen ein ziemlich verwildertes Manhattan durchjagt). Dass ein Sujet, das in einem solchen Maße alles in Frage stellt, was den amerikanischen Glauben an die eigene Stellung im Kosmos von Grund auf in der Balance hält, ganz dringend einen religiösen Konflikt braucht, liegt auf der Hand. Welche fundamentalistischen Parallelen allerdings dessen Lösung assoziieren lässt, und wie deren Konsequenzen gerechtfertigt werden, das ist ebenso abenteuerlich wie bedenklich.

Artikel © 2008 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: Warner Bros. Entertainment GmbH

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