DER GOLDENE KOMPASS

Atheismus aus der Parallelwelt.

Der christliche Fundamentalismus hat es in diesen Tagen wirklich nicht leicht. Als hätte man nicht bereits genug damit zu tun, die konservative Keule gegen Richard Dawkins´ PR-Offensive in eigener Sache und seinen gutgelaunten Atheismus-Bestseller zu schwingen, rollt jetzt auch noch ein 180-Millionen-Dollar teurer Angriff auf das ohnehin schon arg gebeutelte Gottvertrauen des christlichen Abendlandes – und das ausgerechnet in der strategisch ungünstigen (oder je nach Perspektive: günstigen) Vorweihnachtszeit. Beruhigend also, dass wenigstens der US-Präsident an seiner Strategie festhält und dabei mittlerweile sogar den ketzerischen Entwarnungen seiner eigenen Geheimdienste standhält. Wer selber etwas im Kampf gegen das Böse tun will, kann sich etwa für lächerliche 5 Dollar ein Buch der Catholic League for Religious and Civil Rights zulegen, das die teuflischen Absichten der Romantrilogie „His Dark Materials“ des Briten Philip Pullman schonungslos aufdeckt (unentbehrlich für alle Christen, wie sich auf der Website der Herausgeber lesen lässt, „vor allem für solche mit Kindern und Enkelkindern“) und den Leser mit dem notwendigen Rüstzeug versieht, den Versuchungen von Unglauben und Barbarei zu widerstehen, die ihn jetzt zu allem Überfluss auch noch über die große Leinwand heimsuchen.

So oder ähnlich sieht es in den Köpfen verschiedener christlicher Gruppen der USA zum Premierenzeitpunkt der bisher teuersten Produktion aus dem Hause New Line wohl aus. Ähnliches hatte es zuletzt Anfang 2006 gegeben, als der „Da Vinci Code“ in manchen Köpfen bereits den Untergang des Abendlandes einzuläuten schien. Dass eine ziemlich belanglose Verschwörungsgeschichte rund um eine mehr oder weniger absurd anmutende Hypothese (die im Grunde allenfalls Kunsthistorikern ein verständnisloses Kopfschütteln entlocken dürfte) so manchen Kirchenvertreter auf die Barrikaden bringen konnte, sagt eine ganze Menge aus über die derzeitige Lage des christlichen Fundamentalismus. Dass den USA hier eine besonders zentrale Rolle zukommt, liegt aus ebenso traditionell-ideologischen wie außenpolitischen Gründen auf der Hand. Wo Kreationismus und Intelligent Design mittlerweile eine stimmbildende Macht entwickeln und sich evangelikale Sommerlager für eine christlich-konservative Indoktrination von Kindern stark machen, ist selbstverständlich alles willkommen, was sich als Feindbild nutzen lässt. Dazu gehört nun also auch „The Golden Compass“, ein auf den ersten (und auch jeden weiteren) Blick im Grunde völlig unbedenkliches Fantasy-Abenteuer, dessen Aufgabe es in erster Linie weniger ist, dem christlichen Fundamentalismus Paroli zu bieten, als vielmehr dem Mutterkonzern Warner jede Menge vorweihnachtliches Kassengold in die Taschen zu spülen und ganz nebenbei ein ertragreiches Franchise-Produkt zu installieren.

Bei solchen Zielen will man sich ungern Feinde schaffen und das Risiko eingehen, es sich schon vorab mit einem nicht unerheblichen Teil der Zielgruppe zu verderben. Folgerichtig ließ man seitens der Produktion schon frühzeitig verlautbaren, dass der religionskritische Faktor der Romanvorlage mehr oder weniger vollständig ausgehebelt werde, und man sich stattdessen gänzlich auf das Handlungsgerüst konzentrieren wolle (und dafür sogar den bereits gefilmten Cliffhanger des Romans außen vor ließ). Damit wollte sich aber vor allem die grundsätzlich ohnehin medienkritische Catholic League nicht zufrieden geben und startete in Gestalt ihres Präsidenten William A. Donohue vorsorglich einen öffentlichen Feldzug. Das Argument, das alle Beteuerungen seitens der Produktion aushebelte, war dabei ebenso trickreich wie paranoid: Da nämlich die Romanvorlage mit ihren beiden Fortsetzungen einen hochgradig atheistischen Standpunkt propagiere, müsse verhindert werden, dass vor allem Kinder auf diese Weise ein falsches Weltbild erlangen könnten. Denn selbst wenn die Filmversion selber problemlos konsumierbar sei, so könnten Eltern unter diesem falschen, da verharmlosenden Eindruck doch im Anschluss an den Kinobesuch auf die Idee kommen, ihren Kindern die Romanfassung unter den Weihnachtsbaum zu legen, und schon nähme das unchristliche Schicksal seinen Lauf.

Was den Fundamentalisten in Wahrheit also eigentlich Probleme bereitet, ist die immense Wirkungskraft des Kinos. Und da ist durchaus etwas dran. Kaum eine andere Werbemaßnahme nämlich kann ein Buch derart wirkungsvoll und flächendeckend promoten wie dessen Filmversion. Dass sich die Verleger von Philip Pullmans Romantrilogie weltweit die Hände reiben, wenn sie an die umsatzträchtigen Folgen der Verfilmung denken, steht außer Frage. Ganze Märkte werden da neu erschlossen, und das Weihnachtsgeschäft tut sein Übriges. Die vermutete atheistische Gefahr, vor der die Catholic League da warnt, ist also immens. Nun sind Donohue und seine ganze Organisation den gemäßigten Kirchenvertretern der USA schon grundsätzlich ein nicht unerhebliches Dorn im Auge, und man weiß, dass derart realitätsfremdes Fahnenschwenken den christlichen Kirchen mehr schadet als nützt. Und so war die US-Bischofskonferenz auch zunächst strategisch schlau genug, eine offizielle Filmbesprechung von „The Golden Compass“ merklich positiv ausfallen zu lassen, verlor dann aber offenichtlich rasch die Nerven und entfernte den Text schon nach wenigen Tagen wieder von der eigenen Homepage. Die Meinungen bleiben also auch jenseits von Donohue gespalten, und so lassen die ersten Reaktionen nach offiziellem Filmstart auch wenig von einem Abebben der Kontroverse spüren, denn das Damoklesschwert der Romanvorlage lässt sich nicht wegdiskutieren.

Dabei bezieht Autor Philip Pullman bei genauerem Nachfragen eine weniger religionsfeindliche Position, als ihm vielfach unterstellt wird. Mit Autoritäten hat er es jedoch nicht, und dabei ist es ganz gleich, ob diese irdischer, religiös-theokratischer oder kosmischer Natur sind. Das macht ihn natürlicher Weise zu einem idealen Autor für Heranwachsende, und auf die zielt seine Geschichte in erster Linie auch ab. Ein gesundes Misstrauen gegenüber Erwachsenen und Machtinhabern jeglicher Art und Form prägt dann auch Lyra, die 12jährige Hauptfigur von Buch wie Film. Dieser Charakterzug in Verbindung mit einer gehörigen Portion Cleverness und echter Unerschrockenheit gegenüber der immanenten Bedrohung, die von struktureller ebenso wie physischer Autorität ausgeht, rettet ihr und anderen mehr als einmal das Leben. Dass später das Fortbestehen ganzer Welten in ihren Händen liegen wird (und damit Schicksal und Vorbestimmung die Rolle non-personaler Ersatzgottheiten übernehmen), deutet der Film nur an. Ob es diese kosmische Perspektive allerdings auch auf die Leinwand schaffen wird, hängt nun vom Erfolg des ersten Teils der Trilogie ab – und der hielt sich am Startwochenende zumindest in den USA trotz Bestplatzierung eher zurück.

Das ist nun umso bedauerlicher, da die Filmversion von Chris Weitz sowohl die fundamentalistischen Kontroversen als auch die kritischen Stimmen seitens der Puristen, die gerne mehr von Pullmans Religions- und Kirchenkritik gesehen hätten, mit einer derartigen visuellen Wucht aushebelt, dass man sich wünschen würde, beide Fortsetzungen wären längst abgedreht und fertig editiert. Die fantastische und ideenreiche Geschichte einer Parallelwelt, in der die Menschen ihre Seele in Gestalt eines Tieres immer bei sich tragen, in der eine finstere Geheimorganisation Kinder entführt und grausame Experimente mit ihnen durchführt, in der sprechende Eisbären ihrer Natur gemäß in den Krieg ziehen und ein geheimnisvoller Staub die Gesamtheit aller Universen (oder auch die Welt im Innersten) zusammenhält, findet auf der Kinoleinwand eine optische Entsprechung, die so reich gestaltet und so sorgsam komponiert ist, dass man kaum weiß, wo man zuerst hinsehen soll – und es gibt ganze Sequenzen, die alles filmtechnisch Machbare aufbieten, den Zuschauer daran zu erinnern, wie gut die Entscheidung war, nicht erst auf die DVD zu warten.

Dass der Hauptanteil dabei von den CGI-Künstlern besorgt wurde, ist durchaus zweitrangig, denn ausnahmslos alles, was es zu sehen gibt, fügt sich durchweg uneigennützig in die Geschichte ein. Das gilt nicht weniger für die gut aufgelegten Darsteller, die allesamt neben der jungen Dakota Blue Richards lediglich in mehr oder weniger großen Nebenrollen (Daniel Craig, Sam Elliott, Eva Green), Cameos (der offenbar unvermeidliche Christopher Lee) oder als Stimmen der animierten Charaktere auftreten (Ian McKellan, Kathy Bates, Kristin Scott Thomas). Den größten Anteil trägt dabei allerdings eine atemberaubend schöne Nicole Kidman, deren Charakter zwielichtig genug ist, um buchstäblich am eigenen Leib zu beweisen, dass beim besten Willen nicht alles, was glänzt, auch wirklich Gold ist.

Artikel © 2007 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: Warner Bros. Entertainment GmbH

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