Boston Illegal.
Dorchester scheint nicht sonderlich viel mit derjenigen Vorstellung von Boston gemein zu haben, die Kino und Tourismusindustrie im Allgemeinen propagieren: Von stimmungsvollen Postkartenmotiven mit goldenen Herbstlaubbäumen oder roten Backsteinhäusern keine Spur, stattdessen ein kaum erfreulicher Rundumschlag in Sachen Trostlosigkeit. Vielleicht war es gerade für einen Kameraarbeiter wie John Toll, dessen guter Ruf sich vor allem von filmischer Landschaftsmalerei an der Grenze zum cinematografischen Kitsch nährt, mehr als willkommen, dass sein Regisseur offensichtlich großes Interesse daran hatte, einmal einen Blick auf die weniger angenehmen Seiten seiner Heimatstadt zu werfen (filmisch zumindest), und damit den notwendigen Abstand zwischen sein öffentliches Bild und seine Absichten als Filmemacher zu bringen.
Das hat seinen guten Sinn, denn immerhin schien die Tatsache doch mehr oder weniger gänzlich in Vergessenheit geraten zu sein, dass der schauspielerisch meistens etwas blasse Ben Affleck 1997 einmal eine ganz interessante Zukunft als Autor vor sich zu haben schien. Eine lange Liste (an der Kinokasse meist durchaus erfolgreicher) filmischer Eintagsfliegen und eine enervierende öffentliche Liaison hatten nicht unbedingt dazu beigetragen, Afflecks Karriere mit erhöhter Aufmerksamkeit verfolgen zu wollen (ganz im Gegensatz etwa zu derjenigen seines damaligen Co-Autors Matt Damon). 2006 dann eine echte Wende: Venedig kürt seine Darstellung in „Hollywoodland“ mit der Coppa Volpi für die beste schauspielerische Leistung. Drei weitere Auszeichnungen im selben Zusammenhang und 2007 schließlich noch der Golden Globe bescheren der Riege derjenigen, die den Schauspieler Affleck bis dahin bestenfalls mit einem gelangweilten Schulterzucken bedacht hatten, eine ernstzunehmende Dosis Verwunderung. Doch bereits vor dem unerwarteten Triumph in der Lagunenstadt hatte Affleck die Arbeit an seinem Regiedebüt begonnen, und in welch hohem Maß diese Entscheidung eine gute war, belegt das Resultat.
Dass der Stoff selber ein gewisses Vergleichsrisiko mit sich bringt, lässt sich verschmerzen. Wer nach „Mystic River“ eine Vorlage von Dennis Lehane auf die Leinwand bringt, kann den Blick auf Clint Eastwood kaum vermeiden (und wird demnächst auch noch Martin Scorsese mit „Shutter Island“ im Rücken haben), zumal ungeachtet der unterschiedlichen Komplexitätsdichte eine gewisse thematische Verwandtschaft zwischen den Sujets besteht (und der Verleih im übrigen mit der gemeinsamen Autorenschaft lautstark die Werbetrommel rührt). Wirklich fruchtbar kann ein direkter Vergleich allerdings kaum ausfallen, denn dass der 35jährige Affleck mit seinem Regiedebüt dem Alterswerk von Big Clint in Reife und Tiefe kaum gerecht werden kann, liegt auf der Hand, und ihm das vorzuwerfen, ist weder fair noch angemessen. Viel interessanter sollte es hingegen sein zu beobachten, auf welche Motive und Charaktere sich die Identifikation des jeweiligen Filmemachers primär richtet. Denn während bei Eastwood Männer im Zentrum stehen, auf deren desillusionierten Schultern eine lange und schmerzhafte Lebensgeschichte lastet, operiert Afflecks Film aus der Perspektive eines Anfängers mit hohen Idealen und einer gewissen Unerschrockenheit, sich dort zu behaupten, wo erfahrene Veteranen und Machtspieler beider Seiten ihn gerne mundtot machen wollen. Die Figur dazu heißt Patrick Kenzie und kommt in Gestalt einer verjüngten, weniger gesichtskantigen Ausgabe des Regisseurs daher (dessen jüngerer Bruder Casey nämlich). Kenzie verdient sein Geld als privater Ermittler in Dorchester, eben jenem Arbeiterviertel Bostons, das zu Beginn der Geschichte merklich mehr als sonst im Fokus der Medien steht. Das Verschwinden eines vierjährigen Mädchens aus der Nachbarschaft beherrscht die Nachrichten, und wie schlimm das auch für die Mutter sein mag, für die Medien jedenfalls ist es gut.
Kenzie also wird involviert und deckt zusammen mit seiner Partnerin (beide Standardpersonal mehrerer Lehane-Romane) einige entscheidende Details auf, die der Polizei offensichtlich entgangen sind. Je weiter sich das Ermittlerduo allerdings in den Fall verstrickt, desto schwieriger werden die moralischen Fragen, mit denen sie konfrontiert sind, und die vor allem Kenzie buchstäblich die Pistole auf die Brust setzen. Funktioniert der Film eine Weile lang als Ermittlungsthriller um eine mögliche Kindesentführung, so entpuppt er sich nach einer dramaturgischen Nahtstelle als recht ambitioniertes morality play, in dem Motive fragwürdig werden und der Zweck die Mittel heiligen will. Dass dabei ziemlich klar Stellung bezogen wird, ohne sich konservativen Klischees zu beugen, ist besonders angenehm und trägt nicht wenig zur Glaubwürdigkeit des Films bei.
Affleck ist als Autor (zusammen mit Aaron Stockard) wie als Regisseur weit davon entfernt, die Filmgeschichte umzuschreiben, doch dafür sollte man ihm durchaus dankbar sein. Anstatt nämlich etwa seine eigenen Ambitionen allzu sehr in den Vordergrund zu rücken, ordnet er die Inszenierung unauffällig der Geschichte unter, widersteht weitestgehend allen effekthascherischen Versuchungen und gibt dem durchweg guten Ensemble angemessenen Raum.
Nichts lässt sich übrigens ausmachen, das den Vergleich zum realen Entführungsfall der McCanns rechtfertigen würde, der mithilfe eines gewissen Anteils vorauseilender politischer Korrektheit und moralischer Empörung dafür sorgte, dass Afflecks Film – wohlgemerkt nach einer Romanvorlage von 1998 – erst einmal seinen Premierenstart im Vereinigten Königreich verschob. Die Form der medialen Hysterie allerdings, wie sie im fiktiven Stoff vorgespielt wird und zur Kannibalisierung von Betroffenheiten und hypothetischen Horrorszenarien beiträgt, unterscheidet sich lediglich im Umfang von dem, was der Fall McCann real ins Rollen gebracht hat. Dass dieses Phänomen im Film dann auch rein gar nichts zur Aufklärung beiträgt, sagt einiges aus über die selbstgefällige Überbewertung medialer Macht.

Artikel © 2007 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: Walt Disney Studios Motion Pictures Germany GmbH
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