Erdbeersoldaten und Assoziationsketten.
Das Filmmusical ist im Grunde ein totes Genre. Während für die Bühne weiterhin mit einer gewissen Verlässlichkeit ökonomisch relevante Erfolgsgeschichten geschrieben werden, tut sich das Gegenwartskino merklich schwer und lässt von gesungenen Erzählmustern lieber die Finger – und das aus gutem Grund. Für ein Zeitgeistphänomen, dem der Zeitgeist abhanden gekommen ist, bedarf es bei allen Wiederbelebungsversuchen nämlich echter kreativer Anstrengung, und die wird in der Unterhaltungsindustrie bekanntermaßen eher gemieden. Wie groß der Aufwand ausfallen kann, den man betreiben muss, um eine zeitgemäße filmische Aufbereitung des Genres zu erreichen, demonstrierte Baz Luhrmann 2001 mit „Moulin Rouge!“ ebenso eindrucksvoll wie nachhaltig. Dass sein Ansatz zugleich aber auch nicht wiederholbar ist, sondern vielmehr den Ausdruck einer sehr individuellen künstlerischen Persönlichkeit darstellt, zeigte sich bereits im Folgejahr überdeutlich anhand der im direkten Vergleich durch und durch konventionellen „Chicago“-Verfilmung, mit der das kurze Wiederaufleben des Genres im Übrigen auch schon wieder beendet war.
Zu seiner Blütephase fand das Filmmusical im Eskapismusbedarf seiner Zeit einen fruchtbaren Boden und bescherte vor allem MGM eine Unzahl sicherer Kassenerfolge. Rund 190 Titel produzierte das Studio zwischen 1929 und 1959, darunter Klassiker wie „The wizard of Oz“, „Singin´ in the rain“ oder „Kiss me Kate“. Mit der allgemeinen Kinokrise Anfang der 60er jedoch war auch die goldene Zeit des Filmmusicals vorbei, und im Gegensatz zu anderen Genres konnte sich seitdem kein Rehabilitationsversuch wirklich durchsetzen. Der Einzug von Themen mit politischer und sozialer Relevanz ins Kino der Nachkriegsgeneration erlaubte keine Heilewelt-Szenarien mehr, in denen fernab aller Realität im Chor gesungen und in Formation getanzt wurde. Erst Mitte der 70er war zumindest ein nostalgischer Rückblick wieder möglich (in Gestalt der MGM-Compilation „That´s Entertainment“ inklusive ihrer zwei Fortsetzungen). Doch im Grunde zementierten solche Akte der Wehmütigkeit die Tatsache nur umso nachhaltiger, dass sich das Filmmusical als Genre überlebt hatte und allenfalls noch in Einzelfällen funktionieren konnte (experimentell etwa bei Coppola mit „One from the heart“, homagenhaft bei Kenneth Branagh mit „Love´s Labour´s Lost“, ironisch bei Woody Allen mit „Everybody says I love you“ oder ganz konventionell in Form schlichter Bühnenverfilmungen beliebter Broadway-Produktionen). Wirklich erfolgreich gesungen wurde eigentlich nur noch in animierten Disneyfilmen, und auch dort ganz bald schon vor allem mit Blick auf eine spätere Bühnenauswertung. Eine wirksame Manifestation des Filmmusicals unter veränderten Bedingungen blieb jedoch bis heute aus.
Umso mehr müssen alle Versuche aufmerken lassen, die sich einer solchermaßen lähmenden Stagnation einfach in den Weg stellen und der Sache halber so tun, als gäbe es das Problem gar nicht. Julie Taymors zeitgeschichtliche Collage „Across the Universe“ ist so ein seltener Fall, der mit bemerkenswerter Selbstsicherheit weder vor klassischer Formationschoreographie noch ausharrenden Großaufnahme seiner singenden Darsteller zurückschreckt. Dass der Film dabei aber nicht zum konservativen Nostalgieprodukt gerät, liegt vor allem an seinem Grundkonzept. Produktionstechnisch war die Geschichte vor dem Hintergrund des Zeitgeistes der Mitt- und Spätsechziger Jahre zwar zunächst als Broadway-Produktion geplant, die Idee jedoch, Gefühlswelt und Geisteshaltung der einzelnen Figuren durch Songs der Beatles in den verschiedenen Phasen ihrer Entwicklung zu reflektieren, blieb auch bestehen, als das Projekt auf die Kinoleinwand umzog. Den Darstellern die Worte der einzelnen Songs allerdings auch dort direkt in den Mund zu legen, anstatt etwa mit Originalaufnahmen aus dem Off zu operieren, ist für einen Film durchaus mit nicht unerheblichen Risiken verbunden. Was jedoch auf der Bühne von der Tendenz gefährdet gewesen wäre, einer Einreihung in die Liste mehr oder weniger erträglicher Sing-along-Events populärer Musikphänomene anheim zu fallen, profitierte auf der Leinwand ganz offensichtlich von Taymors gleichzeitiger Bühnen- und Filmerfahrung, welcher es in der Hauptsache zu verdanken ist, dass der Einsatz singender Schauspieler vor dem realen Hintergrund der Antikriegsbewegung über weite Strecken durchaus funktioniert und der recht einfachen Geschichte eine wirkungsvolle Zusatzdimension verleiht.
Die Figuren nämlich, deren Namen allesamt einzelnen Beatles-Songs entstammen, haben ohne ihr musikalisches Innenleben wenig Chance auf charakterliche Tiefe. Dafür bietet die Geschichte selber zu wenig individuelle Konflikte und nutzt ihr Personal vor allem zur Repräsentanz zeitgeschichtlicher Archetypen. Beginnt das durchweg junge Ensemble um Lucy (zerbrechlich schön: Evan Rachel Wood) und Jude (Jim Sturgess) jedoch zu singen, so eröffnet sich ganz plötzlich ein unerwartetes Spektrum an Empfindungen, Widersprüchen, Hoffnungen und Sehnsüchten, welches sich vor allem aus der fast vierzigjährigen Wirkungsgeschichte der einzelnen Songs mit all ihren nostalgischen Verklärungen und individuellen Assoziationsketten speist. Eine simple Liebeserklärung wie „I wanna hold your hand“ gerät so zum Spiel mit unterdrückten Empfindungen und fehlgeleiteten Erwartungshaltungen, „Dear Prudence“ eröffnet ein vielschichtiges Plädoyer für das Bekenntnis zur eigenen Sexualität, und „Helter Skelter“ kollidiert als aggressive Kampfansage auf der Schwelle zum Terrorismus mit nostalgischem Festhalten an unschuldigen Friedensutopien im titelgebenden „Across the Universe“. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Das alles ist durchaus nicht frei von Kitsch und Plakativität, doch spiegelt der Film damit letztlich genau den überbordenden Romantizismus desjenigen Jahrzehnts wider, von dem er erzählt.
Was Taymors Film eine besonders willkommene Authentizität verleiht, ist die Entscheidung zur Live-Aufnahme der einzelnen Titel direkt am Set, die es erlaubt, die Schwelle zwischen Sprech- und Singstimme der Darsteller ausgesprochen niedrig zu halten. Umso natürlicher scheint sich der jeweilige Song (im sorgfältigen Arrangement von Elliot Goldenthal) in den narrativen Verlauf der Geschichte einzufügen, und umso leichter lässt sich aus ihm auch wieder aussteigen, ohne dabei die dramaturgische Balance zu gefährden. Ähnlich verhält es sich mit der Choreographie, die im überwiegenden Teil großen Wert auf den Einsatz natürlicher Bewegungsmuster legt und nur in wenigen Ausnahmefällen bewusste Formationen arrangiert. Je psychedelischer die Inszenierung dann in der zweiten Hälfte des Films wird, desto künstlicher fällt zugleich die Choreographie aus, und das ist dann auch durchaus gerechtfertigt, ohne forciert zu wirken.
Trotz allem darf man keine allzu große Geradlinigkeit erwarten, denn nicht umsonst entschied sich Taymor mit „Across the Universe“ für einen von John Lennons assoziationslastigsten Titeln – komplett mit Mantra im Refrain und getragen von den kosmischen Allmachtsfantasien der transzendentalen Meditation, der sich die Band damals verschrieben hatte (und für die heute bekanntlich David Lynch die Werbetrommel rührt). Assoziativ und collagenhaft fällt damit auch Taymors Inszenierung aus. Neben klassischen Erzählkonventionen gibt es psychedelische Farbspiele zu sehen, clipartige Montagesequenzen, Rückprojektionen, mechanische Großmasken (die einzige Spur von Taymors erfolgreichem „Lion King“), Cartoon-Animationen und Erdbeersoldaten. Stilbrüche sind durchaus Programm und geben der sprunghaften Erzählung ihre visuelle Entsprechung. Zusammengehalten wird der Film aber letztlich von der Musik, die seinen Rhythmus bestimmt und ihm die notwendige emotionale Tiefe verleiht. Und wenn Jude gegen Ende endlich denjenigen Song zu hören bekommt, dem er seinen Name verdankt, ist es tatsächlich erst das Kino, das erklären kann, warum die ganz großen Titel der Musikgeschichte in erster Linie die Aufgabe haben, uns daran zu erinnern, wo wir unerachtet aller Irrwege wirklich hingehören.

Artikel © 2007 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: Sony Pictures Releasing GmbH
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