ABBITTE

By Thomas Lenz

Die Welt retten.

Es lässt sich lange und ausführlich über das Differenzverhältnis von Film und Literatur theoretisieren und dabei jede Menge Richtiges wie Belangloses und Unsinniges sagen – den einen entscheidenden Unterschied, der das Nebenherbestehen der beiden Narrationsmedien definiert, wird man aber vermutlich übersehen. Der unschlagbare Vorteil des Films vor dem Buch bestimmt sich nämlich nicht, wie manche Literaturpuristen meinen mögen, durch seine leichtere (und damit intellektuell minderwertigere) Konsumierbarkeit, sondern vielmehr durch die merklich geringere Zeitbelastung, die er mit sich bringt. Ein schlechter Film kostet im Durchschnitt gerade einmal verschmerzbare 100 Minuten wertvoller Lebenszeit, ein schlechtes Buch hingegen ganze Tage. Kein Wunder also, dass der für bibliophile Ideologen klassische Konversationskillersatz „No, but I saw the movie“ vor allem ein Resultat ökonomischen Zeitmanagements darstellt. Literaturverfilmungen haben dem gemäß längst die Aufgabe übernommen, ihre Vorlagen möglichst adäquat zu ersetzen. Dass dies allerdings in erster Linie auf Kosten des Kinos geht, das auf solche Weise seine Sprache einbüßt, wird dabei gerne übersehen. Umso erhellender ist es zu beobachten, wie Joe Wright und Christopher Hampton in ihrer Fassung von Ian McEwans literarischer Autoreflexion gleichermaßen sowohl gegen wie auch für das Kino arbeiten.

Die Geschichte jenes heißen Sommertages von 1935, an dem Hormone, Emotionen und Standesgrenzen so sehr außer Kontrolle geraten, dass die menschliche Katastrophe, in der sie münden, bis an den Rand der Milleniumsgrenze nachhallt, bescherte ihrem Autor neben einem ausgiebigen Literaturpreisregen, durchweg überschwänglichen Kritiken und einem Platz in der Hall of Fame des Time-Magazins vor allem ein gut gefülltes Bankkonto. Dass „Atonement / Abbitte“ mit einem dichten Geflecht aus tiefenpsychologischen, literaturhistorischen und -theoretischen Metaebenen dabei wie der Prototyp einer Hauptseminarlektüre daherkam, tat den Verkaufszahlen keinen Abbruch – im Gegenteil vermutlich. Nun bleibt von solchen Strukturelementen in Wrights und Hamptons Filmversion nicht mehr als nur ein Bruchteil übrig, doch das sollte einen weder verwundern noch verstimmen, denn das, was Regisseur und Drehbuchautor da auf knappe zwei Stunden heruntergebrochen haben, kommt der Vorlage wesentlich näher als es einer konventionellen Literaturverfilmung in aller Regel überhaupt gelingt. Das hat unter Umständen damit zu tun, dass McEwans Roman selber auffällig in unterschiedliche Teile zerfällt und so die Möglichkeit auf der Hand liegt, den einzelnen Einheiten der Vorlage auch eine multiple filmische Herangehensweise entgegenzusetzen.

Den inhaltlich und stilistisch eng gestrickten ersten Teil des Romans nutzen Wright und Hampton mehr oder weniger zur reinen Bebilderung des Handlungsgerüstes. Stark gerafft und auf die wesentlichen Koordinaten der Geschichte reduziert, erscheint die erste Dreiviertelstunde als bloße, wenn auch angemessene Pflichtübung. Was bei McEwan auch quantitativ einen profund anderen Stellenwert hat (und so gänzlich eine Hälfte des Buches umfasst), gerät in der Filmversion zur ausgedehnteren Exposition. Die 13-jährige Briony Tallis, ihre ältere Schwester Cecilia – beide aus den wohlbehüteten Verhältnissen des englischen Landadels – und Robbie Turner, der Sohn der Haushälterin, bilden das schicksalhafte Dreieck, das am Ende dieses ersten Teils auf fatale Weise auseinander bricht. Bei McEwan ist der Weg dorthin selber schon Bestandteil der Tragödie, und der Ton fällt demzufolge auch alles andere als leicht aus. Im Aufbruch befindliche Standesgrenzen, bewusst werdende sexuelle Begierden, unterdrückte Emotionen und die Unumkehrbarkeit von Unachtsamkeiten, mit denen sich die Welt aus den Angeln heben lässt, sind allgegenwärtig und auf eine elektrisierende Weise spürbar, die den Roman eine ganze Weile zum echten Pageturner macht. Der Film schlägt hier auffälliger Weise einen völlig anderen Ton an, gelassener, spielerischer und passagenweise sogar belustigend. Für die Erwartungshaltung des Zuschauers, der die Vorlage nicht kennt, ist das durchaus eine interessante Strategie, denn von bevorstehender Tragik ist auf diese Weise lange nichts zu spüren. Wright und Hampton erzählen die Geschichte also nach, ohne die Haltung des Autors zu übernehmen. Bemerkenswert ist dabei, dass der Plot das zwar nicht unbedingt nahe legt, aber dennoch durchaus zulässt.

Keira Knightley. Abbitte (Atonement). Foto: Universal Pictures International Germany GmbH

Briony, die jüngste der drei Protagonisten, lebt in ihrer eigenen Welt aus selbstverfassten kleinen Geschichten und Theaterstücken, deren viktorianisch-romantische Strukturmuster in erster Linie fern von aller Wirklichkeit stattfinden. Als sie eines Tages Zeuge wird, wie ihre Schwester vor den Augen Robbies, des Freundes aus Kindertagen, nass bis auf die Haut aus einem Brunnen steigt, und dann wenig später ein Schriftstück in Brionys Hände gerät, das nie für ihre (oder irgendjemandes) Augen bestimmt war, brechen alle Klischees über ihr ein, und die Welt gerät aus den Fugen. Ein drittes Mal am selben Tag muss sie zufällig Zeuge werden, wie die Realität in ihren klar geordneten Kosmos einbricht, denn sie erwischt Cecilia und Robbie bei wildem Liebesspiel, und das ist schlichtweg zuviel für das kleine Mädchen. Fest entschlossen, ihre Schwester vor dem Teufel zu retten, fügt Brionys Weltbild Dinge zusammen, die nur in ihrer Vorstellungswelt real sind.

Mit passender Perspektive angegangen, könnte sich hier auch der Ansatz für eine leidlich komische Verwechslungskomödie andeuten. Und so geht es der Film dann auch in Teilen an. Zuviel Pointiertheit fließt in den Umgang der beiden Figuren Cecilias und Robbies, als dass sich hier die bevorstehende Tragödie unmissverständlich ankündigen könnte. Das liegt ersichtlicher Weise weniger am Drehbuch als an Schauspielerführung und Montage. Keira Knightley und James McAvoy haben darüber hinaus sichtlich Gefallen daran, in ihre gemeinsamen Szenen einen Hauch von Screwball einfließen zu lassen, und das verstört vermutlich auch nur denjenigen, der den Roman im Hinterkopf hat. Für die Leinwand schafft dieser Ansatz hingegen mehr Tempo und führt die Geschichte schneller zu ihrem Wendepunkt – und damit von der filmischen Pflicht zur Kür. Erst nämlich als Briony ihre Welt wieder in Ordnung zu bringen versucht und dabei einen irreparablen Gang der Dinge in Bewegung setzt, schlägt auch der Film einen anderen Ton an, und das auf eine Weise, die nie mehr zur Gelassenheit des ersten Drittels zurückfinden lassen wird.

Der Bruch des Romans vollzieht sich bei Wright und Hampton nicht weniger radikal. Leser wie Zuschauer finden Robbie Jahre später inmitten der Wirren des Krieges wieder, und aus der zielstrebigen Geschichte ist eine bruchstückhafte Collage geworden, die in der Chronologie springt, Erinnerungen, Erlebnisse und Visionen ineinander fließen lässt, ohne eine Richtung vorzugeben oder zu einem Ende zu gelangen. Hier beginnt sich der Film von der engen Orientierung am Roman zu lösen und besinnt sich seiner eigenen Stärken. Die Bilder dominieren jetzt, ohne bloße Übersetzungen zu sein, verfallen manchmal ins Delirium und entziehen sich einer festen Ordnung. In einer fünfminütigen (vermeintlichen) Plansequenz am Strand von Dünkirchen findet der Film am exemplarischsten und beeindruckendsten zu sich selbst.

Romola Garai. Abbitte (Atonement). Foto: Universal Pictures International Germany GmbH

Zu einer strikteren Narration kehren Wright und Hampton dann im dritten Teil zurück, dessen Hauptfigur die mittlerweile erwachsene Briony ist und ihr verzweifelter Versuch, für den schicksalsschweren Fehler aus Kindheitstagen Abbitte zu leisten. Hier wird der Film wieder verstärkt zur Bebilderungsmaschinerie, ohne diesmal jedoch den finsteren Ton der Vorlage zu variieren. Im Gegenteil erscheint manches in noch tragischerer Farbtemperatur, denn die Nachwirkungen des Mittelteils und seiner einprägsamen Bilder halten kraftvoll nach und legen sich bis zum Ende über den Film.

Eine Meisterleistung in der Übersetzung vom einen Medium ins andere vollführt Hampton schließlich im Epilog. Nicht viel bleibt von der Vorlage hier übrig, und doch gelingt eine genuin filmische Lösung, ohne dabei die ursprüngliche dramaturgische Funktion aufgeben zu müssen. Die Konsequenzen fallen zwar sanfter aus, doch das lässt sich akzeptieren angesichts einer weitestgehend treuen Widergabe, um die sich der Film bis zur letzten Einstellung bemüht.

„Abbitte“ vollzieht den schwierigen Spagat zwischen Kino und Literaturverfilmung über weite Strecken gut genug, um beide Seiten ausreichend zu bedienen. In der straffenden Bebilderung mögen zwar vor allem im ersten Teil zentrale Tiefenstrukturen der Vorlage verloren gehen und die Möglichkeiten des Mediums selber deutlich unterhalb ihres Potentials genutzt sein, die visuelle und dramaturgische Kraft im mittleren Teil jedoch lassen McEwans um Struktur ringende Kriegskapitel dafür auf beeindruckende Weise hinter sich verschwinden. Dass der Film im letzten Drittel zunächst stark episodisch anmutet, liegt in der unvermeidlichen Tatsache begründet, dass Briony als einzige Figur ein neues Gesicht bekommt und so an Kontinuität verliert. Umso überzeugender allerdings gelingt es ihrer Darstellerin Romola Garai, in Mimik und Gestik die tiefe Kluft zur früheren Identität ihres Charakters zu manifestieren, welche so gar nichts mit der kindlichen Altklugheit zu tun hat, die Briony als 13-jährige ausmacht.

Wer übrigens zuerst den Film zur Kenntnis nimmt und dann McEwan lesen will, wird vermutlich die Last einer großen Geschwätzigkeit empfinden – so straff bringen Wright und Hampton die Geschichte über weite Strecken auf den Punkt. Umgekehrt ist der Gewinn merklich größer und die Verfilmung dort entfesselt, wo ihre Vorlage ins Stocken gerät. Und einen größeren Gefallen kann das Kino dem Dichter wohl kaum tun.

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Abbitte / Atonement. Plakat: Universal Pictures International Germany GmbH

Artikel © 2007 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat / Fotos: Universal Pictures International Germany GmbH

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