Gesicht wahren an der Heimatfront.
Der Episodenfilm fristete in der Filmgeschichte über lange Zeit ein ziemlich unerquickliches Außenseiterdasein. Meist das Produkt einer thematisch miteinander in Beziehung stehenden Kollaboration von Auftragsarbeiten, pendelt er irgendwo zwischen Kurzfilmkonglomerat und experimenteller Collagenbastelei. Echte Episodenfilme finden selten ein größeres Publikum, und das in aller Regel auch nicht zu Unrecht. Wo kein narrativer Faden zu finden ist, der sich durch den gesamten Film zieht, da wird immer auch ein Stück weit Patchwork betrieben, und das verzeiht der Zuschauer nur selten. Dabei hätte einem das historisch besehen schon früh klar sein können. Als Griffith nämlich sein monumentales Rechtfertigungsmonster „Intolerance“ mit voller Wucht gegen die Wand gefahren hatte, waren im Grunde bereits alle Faktoren am Werk, die auch in Zukunft nahezu jeden Episodenfilm an der Kinokasse zugrunde richten sollten – und das war bemerkenswerter Weise bereits 1916. Immerhin hatte man aus dieser Erfahrung jedoch gelernt, sich mit ausufernden Budgets ab sofort immer dann zurückzuhalten, wenn ein Film nicht die klare dramaturgische Folge von Anfang, Mitte und Ende aufweisen konnte.
Bekanntlich war es Godard, der sich auf die Fahne geschrieben hatte, dass in dieser Trias zwar kein Element verzichtbar, wohl aber die Reihenfolge variabel sei. Quentin Tarantino hat sich darauf immer gerne berufen, zugleich aber auch angemerkt, dass er eigentlich nie so richtig begriffen habe, was Godard eigentlich gemeint hätte. Wahrscheinlich war genau das aber auch gut so, denn immerhin brachte ihn sein Unverständnis auf die richtige Spur und der Filmgeschichte mit „Pulp Fiction“ den bis dato erfolgreichsten Episodenfilm überhaupt. Dabei hatten Tarantino und sein Co-Autor Roger Avary im Grunde Augenwischerei betrieben und den vermeintlichen roten Faden ihres Films lediglich vorgegaukelt. Dekonstruktion! und Postmodern! wurde an allen Ecken und Enden gejubelt, doch in Wahrheit war Tarantinos Film bei genauerem Hinsehen auch nur Patchwork – allerdings ausgesprochen stilsicher zusammengefügt.
Immerhin aber war mit dem kommerziellen Erfolg der Weg freigeworden für ambitioniertere filmische Versuche, sich komplexen thematischen Zusammenhängen durch geschickte Verwebung scheinbar unzusammenhängender Erzählstränge in einer gemeinsamen narrativen Form anzunähern – eine Technik wohlgemerkt, die für die moderne Literatur schon lange zur Tagesordnung gehört. Filmemacher und Autoren wie Alejandro González Iñárritu, Guillermo Arriaga, Paul Thomas Anderson und Paul Haggis spielten schon bald mit beachtlicher Virtuosität auf dieser Klaviatur, und es ist nicht zuletzt ihr Verdienst, dass inzwischen auch ein breiteres Publikum recht gut mit solcherart eingespielten Erzählstrukturen umgehen kann.
Die Zeit ist also reif, komplexere szenische Dramaturgien for granted zu nehmen und in den Mainstream zu überführen. Filmstrategisch besehen macht „Lions for lambs“ (in Steinbeck-Deutsch: „Von Löwen und Lämmern“) genau das. Drei Erzählstränge, drei Schauplätze, drei Zeitzonen, und alles mehr oder weniger in real time abgewickelt (inklusive ein paar Rückblenden), definieren die narrative Grundstruktur. Ursprünglich für die Bühne gedacht, konzentriert sich das Drehbuch von Matthew Michael Carnahan (Politfilm-erprobt mit „The Kingdom“) in diesem engen Rahmen auf seine vier bis acht Figuren. Ein aufstrebender US-Senator (Tom Cruise) gewährt einer Journalistin (Meryl Streep), die ihm vor Jahren nicht unerheblich ins Amt verholfen hat, eine seltene einstündige Audienz, während der er ihr exklusiv eine neue Militärstrategie gegen den Terror verkauft. Ein Geschichtsprofessor (Robert Redford) gewährt seinem vielversprechendsten, aber inzwischen völlig indifferenten Studenten eine einstündige Audienz, während der er dessen abhanden gekommenes Verantwortungsbewusstsein wiederzubeleben versucht. Zwei junge US-Soldaten geraten am Hindukusch missing in action und sehen sich im Angesicht des Todes mit der Frage konfrontiert, ob ihre Entscheidung zur Armee nicht doch der falsche Weg war, um verantwortlich zu handeln.
Was da ein bisschen wie weichgespültes episches Theater klingt, ist tatsächlich auch genau dies. Die beiden szenischen Dialogduelle an der Heimatfront (Senatoren- und Professorenbüro) konfrontieren ihre jeweiligen Protagonisten mit Thesen und Gegenthesen, Motiven und Kontramotiven, und nicht zuletzt mit ihren eigenen Verfehlungen in der Relation von Willen und Handeln, wohingegen es am eigentlichen Kriegsschauplatz um Leben und Tod geht, und alles Abwägen in Kugelhagel unterzugehen droht. Das wirkt an manchen Stellen durchaus konstruiert und entbehrt vor allem durch Einbindung der Soldatenepisode nicht einer gewissen Plakativität, lässt sich aber angesichts der Natur der Sache auch nicht gänzlich vermeiden. Mit einiger Berechtigung fühlte sich also so mancher Kritiker an einen Collegekurs oder eine Vorlesung für politische Wissenschaften erinnert – und das ist, nimmt man sich die Aussagen von Autor und Regisseur vor, auch durchaus so gewollt. Die Ablehnung, die der Film aber deshalb auf breiter Front in seinem Heimatland (von Kritikerseite wohlgemerkt) schon vor den ersten Publikumsreaktionen erfahren hat, ist umso bemerkenswerter.
In mehr oder weniger weiser Voraussicht hat man sich deshalb wohl frühzeitig auch für eine durchweg aufgeblasene Vorpremiere auf liberalerem deutschen Boden entschieden, in deren Anschluss man Redford und den ehemaligen Bundesaußenminister auf einer Podiumsdiskussion erleben konnte, die dem Film vermutlich mehr Bedeutung verleihen sollte, als er eigentlich hat (Tom Cruise, der auch angekündigt war, hatte sich frühzeitig davongemacht, und Stefan Aust war der Veranstaltung krankheitshalber ebenfalls fern geblieben). Solchermaßen milde gestimmt, fällt die Kritik hierzulande dann auch merklich wohlwollender aus, zumal man dem Quasi-Neu-Berliner Cruise in genuin deutscher Duckmäuserei ja mittlerweile auch viel vorsichtiger entgegentritt als noch vor der leidigen Bendlerblock-Affäre.
Umso weniger eröffnet sich ein einigermaßen klarer Blick auf das, was „Lions for lambs“ unabhängig von derartigen öffentlichen Vorverurteilungen (im Guten wie im Schlechten) anzubieten hat. Der argumentative Schlagabtausch jedenfalls hat im Hollywood-Kino allgemein wenig Platz, und umso willkommener ist der Beitrag, den Redfords Film leistet. Dabei sollten einen weniger die weitestgehend vorhersehbaren Inhalte interessieren als vielmehr die Art und Weise, wie sie präsentiert werden. Denn Redford ist als Regisseur klug genug zu wissen, dass die (mal mehr und mal weniger überzeugenden) Dialoge seines Autors ihre dringend notwendige Tiefenstruktur erst durch diejenige Ebene erhalten, die sich in den Köpfen der Figuren abspielt. Und da tritt so manches Gesagte ganz schnell schon mal in den Hintergrund und verschwindet hinter den Gesichtern derer, die es aussprechen. Was auf der Bühne sachgemäß nicht möglich gewesen wäre, macht sich die Regie hier im Film ganz zu eigen und nimmt ihre Schauspieler möglichst nah in den Fokus.
Dabei ist es auch der Kontrast von Jugend und Alter, der in diesem Film seine ganz eigene Dramaturgie entfaltet. Im direkten Gegenschnitt von Redford und seinem Gegenüber, in der durch und durch nuancierten, jeden einzelnen Gesichtsmuskel kontrollierenden Darstellung des älteren (und erfahreneren) Schauspielers auf der einen Seite, und der von gelangweilter Trotzigkeit bestimmten, leichter zu lesenden, da direkteren Mimik des jungen Schauspielers auf der anderen, bietet sich eine nicht unerhebliche Spannung, die eine Brücke über Denken und (persönliche) Geschichte von zwei Generationen schlagen muss. Anders im Senatorenbüro. Hier ist es die ganz und gar auf Öffentlichkeitswirksamkeit getrimmte und jegliche unkontrollierte Variation ausblendende Selbstsicherheit in Auftreten, Körperhaltung und Gewinnermimik von Tom Cruise, die in direktem Kontrast steht zu den nur behelfsweise überschminkten Spuren des Alterns und den zunehmend um Kontrolle bemühten Zügen Meryl Streeps. Beiden muss in ihren Rollen daran gelegen sein, die ihrer Funktion entsprechenden Masken aufrecht zu erhalten, um das zu bekommen, was sie haben wollen – und da sich der Film weigert, den Senator im Gegensatz zu Streeps von Selbstzweifeln geplagter Figur auch außerhalb des Maskenspiels zu zeigen, bleibt der möglicherweise zukünftige Präsident der Vereinigten Staaten auch für den Zuschauer genau das, was er für die Öffentlichkeit zu sein hat: Ein funktionierender Imageträger für Volk und Vaterland.
Andererseits bietet die Besetzung der vier kontrastierten Figuren eine Lektion in echtem Typecasting. Cruise und Redford spielen mehr oder weniger komprimierte Versionen ihres öffentlichen Bildes und scheinen sogar ihre private Garderobe mit an den Set gebracht zu haben. Umso interessanter ist es, diejenigen Nuancen zu entdecken, die ihre Figuren überhöhen und damit die Besetzung durchaus schlüssig erscheinen lassen. Überhaupt sind sich die beiden Charaktere viel näher, als man das zunächst vermuten würde, und es lohnt sich zu beobachten, wann und auf welche Weise sie etwa beide ihre Jacketts ablegen und fortan für eine Weile stehend statt sitzend dozieren, welche Fotos Ihre Büros schmücken, und wie sie beide ihren mit bezeichnenden Logos verzierten Kaffee trinken. Streeps Figur hingegen scheint der direkte Gegenentwurf zu Miranda Priestly zu sein, ganz ohne digitale Faltenglättung, desillusioniert und auf der anderen Seite des Glamourjournalismus angekommen – auch wenn ihr Gegenüber nicht weniger aus dem Ei gepellt auftritt und genauso viel Fassade ist wie jedes einzelne fashion victim in Mirandas Welt.
Andrew Garfield schließlich, Redfords Gegenüber, ist schlicht ein weitestgehend unbeschriebenes Blatt mit hoffnungsvoller Zukunft – und dabei völlig austauschbar. Seine Figur ist demgemäss auch die hypothetischste unter den vier Hauptcharakteren, und damit die größte Projektionsfläche für ein jugendlich-studentisches Publikum, das man laut Bekunden der Macher in erster Linie ansprechen will (wozu man übrigens seitens des Marketings passend eine Website installierte, die mithilfe von verschiedenen Wettbewerben dazu ermutigen will, auf unterschiedliche Weise Zeugnis für die eigene Überzeugung abzulegen – ob das wirklich funktioniert, ist eine andere Frage, was man jedoch definitiv erzielte, war die Integration zahlungskräftiger nationaler wie internationaler Sponsoringpartner durch die Errichtung eines zusätzlichen Marketingtools).
„Lions for lambs“ ist der erste Film, der unter dem wiederbelebten Logo von United Artists veröffentlicht wird. Das Traditionsstudio, das Anfang der 80er unter der Last von Michael Ciminos Größenwahn und einem unfassbaren Missmanagement zusammengebrochen war, ist dabei jedoch in Wahrheit auch weiterhin nicht mehr existent. Nach ihrer Trennung von Paramount waren Cruise und seine langjährige Geschäftspartnerin Paula Wagner jedoch auf die durchaus clevere Idee gekommen, MGM die Reanimation des Labels nahe zu legen und sich selbst an dessen Spitze zu setzen. Ein angenehmer Imagetransfer, der zurückträgt bis in die Gründungszeit des Studios, sollte nicht nur MGM und Cruise selber nutzen, sondern auch den einzelnen Projekten den Anschein der ausschließlichen Kontrolle durch die jeweiligen Künstler anheften. Independent-Kino unter Studio-Bedingungen war also die Marketing-Idee dahinter, und so stellte eine Investorengruppe um Merrill Lynch auch flugs 500 Millionen USD als Startkapital zur Verfügung.
Kleine und überschaubare Produktionen wolle man bieten, und mit 35 Millionen Dollar Produktionskosten stellt „Lions for lambs“ da auch durchaus ein für US-Verhältnisse tragfähiges Beispiel dar. Mit Redford als Regisseur ist darüber hinaus der Anschein des unabhängigen Autorenfilms gewährleistet, und die Wahl des Themas tut sein Übriges. Das dahinterstehende Kalkül ist zwar unübersehbar, aber das ändert nichts daran, dass sich der Film selber angenehm vom allgemeinen Hollywood-Mainstream abhebt und trotzdem kommerziell genug bleibt, um sein Geld wieder einzuspielen. Es wird sich zu zeigen haben, ob diese Strategie auch langfristig tragbar ist.

Artikel © 2007 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: Twentieth Century Foxfilm Corporation
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