INVASION

Genozid from Outer Space.

Remakes sind besonders verräterische Erscheinungsformen des Zeitgeistes. Ihre Zielvorgabe, ein bewährtes Sujet gemäß veränderter Publikumsbedürfnisse zu variieren, ist klar definiert und bestimmt einen mehr oder weniger eng gestrickten Maßnahmenkatalog. Im Grunde lässt sich das Remake damit auch als eigener Genre-Typus oder umgekehrt jede Genre-Anwendung als Remake eines bewährten Sujets begreifen. In beiden Fällen nämlich werden dort die besten Ergebnisse erzielt, wo die Variation von einem möglichst hohen Originalitätsfaktor getragen ist, ohne die Regel wirklich außer Kraft zu setzen. Dass ein solcher Balanceakt vor allem Fingerspitzengefühl und ein schlüssiges Konzept benötigt, belegt die Mehrheit der besonders misslungenen Fälle dabei mindestens so überzeugend wie die eher bescheidene Zahl an Überfliegern. Entgegen einer sich auf den ersten Blick anbietenden und schnell verbreiteten Aburteilung, lässt sich ein Zwitterfilm wie „Invasion“ bei genauerem Hinsehen nun tatsächlich weder der einen noch der anderen Kategorie verlässlich zuordnen, und das liegt vor allem am Sujet selber.

Will man einem Remake an den Kragen, so hat man in der Regel leichtes Spiel, wenn man es an seinem Vorgänger misst. Die Chance, dass man dazu auch noch den Segen der Filmgeschichte bekommt, erhöht sich, je größer der zeitliche Abstand zur Produktion des Originals liegt. Vergreift sich das Remake gar an mehr oder weniger kanonisierten Stoffen, so kann man sich getrost mit den naheliegendsten Vorurteilen wappnen, ohne Gefahr zu laufen, diese nicht auch auf die eine oder andere Weise bestätigt zu sehen. Denkbar ungute Voraussetzungen also für einen Film wie „Invasion“, dem gleich drei Vorgänger im Nacken sitzen.

Die Geschichte bedarf in all ihrer Einfachheit keiner umständlichen Nacherzählung: außerirdische Mikroben befallen menschliche Organismen und ersetzen sie durch seelenlose Kopien, deren Aufgabe es ist, die gesamte Menschheit zu infizieren. Eine Handvoll Unbetroffener begreift das Ungeheuerliche und befindet sich fortan auf der Flucht, beständig darum bemüht, inmitten der entmenschlichten Humanoiden nicht aufzufallen. – So simpel dieses Konzept ist, so effektiv ist es auch, denn es generiert einen kontinuierlich wachsenden Spannungsbogen, bietet ein klares Feindbild und schafft eine bedrohliche Grundstimmung mit apokalyptischem Beigeschmack. In dramaturgischer, identifikationsbildendender und atmosphärischer Hinsicht bringt das Grundgerüst also bereits alles Wesentliche mit und entbindet über weite Strecken von allzu großer Eigenleistung. Zugleich bietet das Sujet genügend Raum für Variation im Detail und ist somit klassischer Remake-Stoff.

Die Filmgeschichtsschreibung tat ihr Übriges und fügte dem Thriller-Effekt eine zusätzliche, zumeist politische Dimension hinzu, die erfahrungsgemäß, wenn auch selten mit wirklicher Berechtigung, zu größerer Ernsthaftigkeit in der Bewertung führt. So wird das Original von 1956 bekanntlich vor allem als Parabel auf die antikommunistische Paranoia der McCarthy-Ära gelesen, Philip Kaufmans erstes Remake von 1978 entweder zum Abgesang auf die Hippie-Bewegung erklärt oder als Ausdruck eines nationalen Unwohlseins nach Watergate begriffen, und schließlich Abel Ferraras Version von 1993 wahlweise mit einer kritischen Haltung zur US-Army nach Desert Storm identifiziert oder als symptomatische Reaktion auf die Verbreitung von AIDS gewertet.

Will man hier also mithalten, empfiehlt es sich, der eigenen Version einen Subtext beizumengen, der diese Tradition fortführt. Und so finden sich in der Fassung von David Kajganich und Oliver Hirschbiegel erwartungsgemäß dann auch eine Reihe von Verweisen auf die Rolle der USA im Irak und den Genozid in Darfur – wenn auch ziemlich lose in Form realer CNN-Berichte eingestreut und mit wenig nachhaltigem Effekt. Das mag einer gewissen Plakativität nicht entbehren, erfüllt aber seinen Zweck. Der Zeitgeist, der hier mitschwingt, bewegt sich in der Spanne von nivellierender Konfliktbewältigung und einer weltanschaulich bedingten Permanenzbedrohung. Das jedenfalls bietet sich als Lesart an. Darfur und Irak fungieren in dieser Deutung als symptomatische Belege für Ausläufer von politisch-diplomatischen Bankrotterklärungen. Ihnen setzt der Alien-Virus friedliche Gleichmacherei entgegen und lässt zur Untermauerung dieses Gedankens einen der Infizierten bei passender Gelegenheit ganz offen zu bedenken geben, dass eine Welt der völligen Nivellierung zwangsweise frei wäre von Krieg und Zerstörung. Freilich steht dafür erst einmal die Übernahme und Auslöschung der bisherigen konfliktbedingenden Humanstruktur an, aber da heiligt der Zweck die Mittel. Ludovico-Therapie anstelle von individueller Gewaltbereitschaft eben.

Bei genauerem Hinsehen zeigt sich aber, dass von einer Alternative gar keine Rede sein kann. Ganz im Gegenteil verfährt auch das Lösungsschema extraterrestrischer Mikroben ganz und gar nach den Regeln von ethnischen Säuberungen und Weltanschauungskriegen und befindet sich so auf gleicher Ebene. Die Eroberung und Ausrottung des Andersdenkenden, Andersgeborenen, Andersglaubenden zum Zweck von Konfliktminimierung unterliegt dem Prinzip uneingeschränkter Nivellierung. Darfur, Irak und Body Snatchers  erscheinen so als geringfügige Variationen des gleichen Gedankens, die sich lediglich in ihrer Mittelverwendung voneinander unterscheiden.

Zweifellos hat eine (für Hollywood-Verhältnisse allerdings durchaus übliche) unschlüssige Produktions- und Postproduktionsgeschichte dem Film nicht unbedingt genützt. Ein unfertiges Drehbuch, eine nur bedingt anwesende Hauptdarstellerin, kostspielige Nachdrehs durch James McTeigue unter Federführung der Wachowski-Brüder, misslungene Testvorführungen, Re-Installation der ursprünglichen Schnittfassung, eine abgebrochene Werbekampagne (nach einer semi-provokativen Fotostrecke mit Kidman und Craig, dessen neuerworbener Bond-Status auf diesem Weg offenbar von seiner recht überschaubaren Nebenrolle ablenken sollte), eine ausgefallene Premiere ohne Hauptdarsteller, sowie eine wenig entgegenkommende Presseberichterstattung trugen nicht unbedingt zur besten Reputation bei, und die Ergebnisse an den Kinokassen ließen demgemäss zu wünschen übrig.

Dabei übersieht man schnell, dass der Film selber durchaus kurzweilige Unterhaltung auf solidem handwerklichen Niveau bietet, weitestgehend spannend bleibt und einige interessante Variationen austestet. Zugleich bleibt ein Vergleich mit den drei Vorgängerversionen nur bedingt legitim, denn auch „Invasion“ ist in erster Linie immer noch eine Verfilmung des Romans von Jack Finney. In diesem Zusammenhang lohnt es sich übrigens, einmal einen Blick auf das Ende der Vorlage zu werfen, bevor man mit allzu schweren Geschützen auf das Finale des Films schießt. Nicht weniger vergessen scheint vielfach auch die vergleichsweise kritische Postproduktionsgeschichte von Don Siegels Version (hier mag vor allem der Vergleich zwischen der Fassung von 1956 und der späteren Wiederveröffentlichung von 1979 gegenüber „Invasion“ milder stimmen). Und schließlich muss man den einen oder anderen anscheinend auch noch einmal daran erinnern, wie wenig willkommen Abel Ferraras Version 1993 entgegen genommen wurde – und das möglicherweise weiterhin zu Recht.

Nebenbei bemerkt lässt sich anhand von „Invasion“ mit einer gewissen Beruhigung wahrnehmen, dass der Psychiater im Umfeld der Body Snatchers anscheinend nicht zwangsweise zum Verbündeten werden muss (wie etwa bei Siegel und Kaufman). Als erklärter Naturalfeind der Scientologen ist er ja vielleicht sogar vielmehr und geradezu dafür prädestiniert, den nivellierenden Invasoren mit außerirdischem Ursprung tapfer entgegen zu stehen. Vor diesem Hintergrund kann man sich übrigens auch einmal den Spaß erlauben, eine Reihe von Spuren rund um Nicole Kidmans filminterne Berufswahl und die Infizierung ihres Ex-Ehemanns etwas genauer zu verfolgen, um sich dann mit berechtigter Belustigung zu fragen, wer hier wohl verantwortlich gewesen sein mag.

Artikel © 2007 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: Warner Bros. Entertainment GmbH

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