Nature abhors a vacuum.
Der Mystery-Thriller ist ein natürlicher Feind des Filmkritikers. Oder umgekehrt. Verrät man zuviel, wird man zum Spielverderber. Beruft man sich andererseits hingegen allzu sehr auf seine Schweigepflicht, so läuft man beständig Gefahr, ein Maß an Erwartungen zu wecken, das der Film in den allermeisten Fällen nur schwerlich einlösen kann. Hinzu kommt, dass die Entscheidung für die letztere Variante zwangsweise mit einem höheren Maß an Mühe und Nachdenken darüber verbunden ist, wie unter solchen Voraussetzungen überhaupt eine lesbare Rezension zustande kommen kann. Und darin liegt vermutlich der Hauptgrund, warum man sich in der überwiegenden Zahl der Fälle doch eher für ein gepflegtes Zuviel entscheidet und den potentiellen Zuschauer auf der Strecke lässt. Nicht wesentlich anders verhält es sich erwartungsgemäß bei den meisten Beiträgen zu „Premonition“ (auf deutsch allzu wortgetreu, und gerade deshalb etwas lustlos mit „Die Vorahnung“ betitelt) – und das, obwohl der Film selber einen ganz eleganten Ausweg aus dem Dilemma anbietet.
Das Grundgerüst ist schnell nachgezeichnet. Linda mag keine Überraschungen. Ihre Tage sind einfach und klar strukturiert: Die Kinder zur Schule bringen, die Hausarbeit machen, mit Freundin Annie telefonieren, joggen, einkaufen, die Kinder von der Schule abholen, für die Familie kochen, die Kinder ins Bett bringen, Geschirr spülen und den Abend mit Ehemann Jim verbringen. Nächster Tag, gleicher Ablauf. Aber Linda ist die Hauptfigur eines Mystery-Thrillers, und so gerät ihr Leben schon bald aus der sicheren Bahn und bewegt sich fortan nach anderen, verwirrenden und vor allem unbekannten Regeln.
Mit dem plötzlichen Unfalltod des Ehemanns (eigentlich zu charismatisch für eine Nebenrolle: Julian McMahon) bricht alles zusammen, was Lindas Leben bisher den nötigen Halt geboten hat. Es ist kein Vergnügen, dabei zuzusehen, wie die Frau, die gerade Witwe geworden ist, erst sich selbst und dann ihren Kindern beibringen muss, dass nichts mehr so sein wird wie vorher. Und da man als Zuschauer dank einer geschwätzigen Werbekampagne bereits weiß, dass sie am nächsten Morgen ihren Mann wiedersehen wird, und zwar ganz so, als sei der vergangene Tag nie passiert, schwingt beim Betrachten dieser Momente aus Trauer und Verzweiflung ein ziemlich unangenehmer Beigeschmack von sadistisch geprägtem Voyeurismus mit, den die Geschichte ihren Zuschauern bedenkenlos zumutet. Im Fortlauf des Films wird sich der Verdacht nur schwerlich abwehren lassen, dass man hier hinterrücks zum Zeugen, vielleicht sogar Komplizen eines Experimentes am lebenden Objekt gemacht wird – freilich jedoch, um am Ende zu begreifen, dass man nach und nach selber Gegenstand der Beobachtung geworden ist.
Um von vorneherein nicht mit falschen Erwartungen auf den Film eingestellt zu sein, ist es nicht unbedeutend zu wissen, dass man es bei der Genre-Vorgabe „Mystery-Thiller“ mit einem echten Etikettenschwindel zu tun hat. Verantwortlich dafür ist allerdings weniger der Film selber als vielmehr der von Marc Weinstock betreute Vermarktungsansatz. Weinstock, gerade frisch zum Marketingleiter von Screen Gems ernannt, hatte in der Vergangenheit Ähnliches für Sony-Titel wie „Silent Hill“ und „The Exorcism of Emily Rose“ geleistet, und so offenbar lediglich ein bewährtes Konzept angewendet. Gerade im letzteren Fall hatte das Marketing an den Kinokassen einiges bewirkt und dem Film, der selber eher ein Courtroom-Drama als eine Horrorgeschichte ist, mit ziemlicher Sicherheit eine weitaus höhere Anzahl Zuschauer verschafft als unter anderen Umständen realistischer Weise zu erwarten gewesen wäre. Das mag einem gefallen oder nicht, aber so funktioniert das Verkaufen von Filmen in Hollywood nun einmal, und bei „Premonition“ verhielt es sich kaum anders.
Dahingehend hat Weinstock ganze Arbeit geleistet, denn aus pragmatischer Analysten-Sicht ist dieser Film echtes Kassengift: keine Spezialeffekte, keine Skandale, noch nicht einmal politische Botschaften oder intendierte Kontroversen, um auf einen Oscar schielen oder wohlwollende Kritiken provozieren zu können, zudem ausschließlich unbekannte Namen hinter der Kamera und eine Hauptdarstellerin vor derselben, die vom Zuschauer gänzlich mit romantischen Komödien assoziiert wird – wo soll da das Geld herkommen? Also setzte man ganz auf ein Genre-Publikum und reduzierte die Präsenz Sandra Bullocks auf ein Mindestmaß (bezeichnend dafür die bis zur Unkenntlichkeit verfremdete Schematisierung ihres Gesichtes auf dem Filmplakat). Wie absurd das bei einem Film auch erscheinen mag, dessen Bildpräsenz zu mehr als 90% von der Hauptdarstellerin bestimmt wird, das Ergebnis an den US-Kinokassen gab der Kampagne unmissverständlich recht.
Tatsächlich findet der Mystery-Thriller jedoch nur an der Oberfläche statt und ist vor allem die dramaturgische Schablone, nach deren Vorgabe die Geschichte in Gang gesetzt wird. Nicht von ungefähr erinnert das Erzählmuster an die vielgestaltigen Realitätsvarianten der Twilight Zone. Und so gesteht Autor Bill Kelly auch gerne ein, dass er als Kind ein ganz großer Fan von Rod Serlings klassischer TV-Show war, und dem gemäß eine Menge dessen, was er schreibe, mit dem Wandern zwischen den Welten zu tun habe (was sein Disney-Märchen „Enchanted“ demnächst mit Sicherheit mehr als deutlich belegen wird). Von diesem Vorbild stammt aber möglicherweise auch die enge Verzahnung von Mystery und Selbsterkenntnis, die Kellys Film bestimmt wie kein zweites Motiv.
Überhaupt ist „Premonition“ ein Erweckungsdrama, das die Mittel von Zeitenbrüchen und Diskontinuitäten vor allem dazu nutzt, seine Hauptfigur auf sich selbst zurückzuwerfen. Wenn Linda mit einer Wirklichkeit hadert, deren Regeln sie nicht kennt, und die alle bisherige Ordnung in Frage stellt, dann ist sie in Wahrheit mit sich selbst konfrontiert und demjenigen, was ihr als Realität gilt. Dinge, die selbstverständlich schienen, werden auf die Probe gestellt, und das vielleicht sogar mehr als einmal.
In die Bildsprache des Films übersetzt, heißt das vor allem Leere sichtbar machen. Regisseur Mennan Yapo nutzt deshalb das für ein Kammerspiel im Regelfall eher aufgesetzt wirkende Cinemascope, um seine Hauptdarstellerin so oft wie möglich am Rand des Bildes zu platzieren. Während der Fokus aber immer auf Linda bleibt, hebt sich ein raumfüllender Hintergrund mit distanzierender Unschärfe umso deutlicher von ihr ab. Ähnlich verhält es sich mit Lindas Abständigkeit zu anderen Charakteren, von denen sie innerlich weiter entfernt ist, als ihr lieb sein kann oder auch nur klar ist. Beides definiert ihre Position in der Welt – oder doch zumindest in ihrer Welt.
„Nature abhors a vacuum“, heißt es an einer Stelle, und so mag der plötzliche, schicksalhafte und die Realität aufbrechende Eingriff in Lindas klar strukturiertes Leben vielleicht eine Reaktion auf diejenige Leere sein, die sie bildsprachlich so schmerzhaft an den Rand drängt. Dieser Schicksalseingriff ist es aber zugleich auch, der die Bilder bestimmt, wenn die Kamera wieder und wieder von oben, manchmal gar von sehr weit oben auf Linda herabschaut – ganz wie es sich für einen unbeteiligten Beobachter gehört, der sehen will, wie sein Objekt auf die Versuchsanordnung reagiert. Es lohnt sich, diesen Beobachter über den Verlauf des Films hinweg zu verfolgen, denn er wird seine Position erst in der letzten Einstellung verlassen. Am Schluss jedenfalls – und das lässt sich getrost vorwegnehmen – wird die Welt eine andere sein.

Artikel © 2007 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: Kinowelt Filmverleih GmbH
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