MICHAEL CLAYTON

Deus ex machina.

Bei den großen Award-Shows gibt es von jeher ein cleveres logistisches Element, das es der Besucherriege im Publikum erlaubt, auch während der stundenlangen (und nicht selten quälend langweiligen) Vergabezeremonien ab und zu einmal die sanitären Anlagen zu besuchen oder eine politisch inkorrekte Zigarette zu rauchen. Der „seat-filler“ sorgt für ein lückenloses Bild, wenn die Kameras sich auf die hochkarätig besetzten Zuschauerreihen richten, und übernimmt schnell einmal den Sitzplatz eines Stars, der aus welchen Gründen auch immer vorübergehend anderweitig beschäftigt ist. Die garantierte Dauerbelegung aller Plätze ist wichtig für die Unterhaltungsmaschinerie, und das gilt nicht nur für Award-Shows. Zum stimmigen weil lückenlosen Bild Hollywoods etwa gehört nämlich in vergleichbarer Weise auch der beständige Einsatz aller notwendigen Farbschattierungen auf der Image-Palette, und die Industrie sorgt mit verlässlicher Selbstregulierung dafür, dass hier wichtige Plätze nie unbelegt sind.

George Clooney besetzt hier seit einem guten Jahrzehnt die Kategorie „Hollywood-Gewissen“ und macht dabei meistens eine ziemlich gute Figur. Im Zeitschriftensektor wäre er vermutlich ein linksliberales Hochglanzmagazin: außen ganz GQ und innen vor allem Newsweek. Nach dieser Maßgabe wählt er sich mit großer Wahrscheinlichkeit und ebensolcher Sorgfalt die überwiegende Anzahl seiner Filmprojekte aus, und zwar unabhängig davon, in welcher Funktion er zu ihnen in Verbindung steht. Clooney kann es sich leisten, wählerisch zu sein, und so ist seine range of choices der letzten Jahre auch ohne nennenswerten Makel. Dass ein zur Markttauglichkeit notwendiges Maß an Gefälligkeit dabei auf Kosten einer gewissen Schärfe geht, lässt sich allerdings auch als Problem lesen.

Als Clooney seinen Oscar für die beste männliche Nebenrolle in „Good night and good luck” entgegennahm, machte er keinen Hehl aus seiner Überzeugung, dass die amerikanische Filmindustrie in Gestalt der Academy ihrer Zeit politisch immer schon voraus gewesen sei und oft genug dort zu sprechen gewagt habe, wo andere es vorgezogen hätten zu schweigen. Das konnte man mit Erstaunen zur Kenntnis nehmen, zustimmen oder sprachlos den Kopf schütteln, oder aber schlicht vermuten, dass sich Clooney in gewohnt nonchalanter Weise einfach den Boden sicherte, auf dem er steht. Denn in wenig gefällt sich Hollywood selber so gut wie in der öffentlichen Zurschaustellung seines traditionellen politischen Linksliberalismus. Wie auch immer man sich hier entscheidet, unstrittig ist Clooneys Oscarrede ein Indiz für seine Selbstdefinition als Teil der Industrie, und das dazugehörige Credo lautet: Was er macht, ist politisches Kino mit sozialem Gewissen und Hollywood zugleich, denn beides fällt – und man mag in seinem Sinne hinzufügen: „entgegen einer weitverbreiteten Auffassung“ – nach Möglichkeit schon immer in eins.

Unter dieser Vorgabe muss man einen Film wie „Michael Clayton“ wohl betrachten. Doch das könnte sich auch als Fehler herausstellen, denn das von so illustren Namen wie Sidney Pollack, Steven Soderbergh und Anthony Minghella produzierte Regie-Debüt des Bourne-Autors Tony Gilroy ist nur an der Oberfläche ein Wirtschafts- und Justiz-Thriller über skrupellose Konzerne und moralfreie Anwaltskanzleien.

Nichts desto trotz gibt sich der Film schon zu Beginn alle Mühe, diesen irrigen Eindruck frühzeitig zu manifestieren, und so lässt er den Zuschauer Zeuge davon werden, wie Clooneys Protagonist nur per Zufall einem Autobombenanschlag entgeht, bevor die Erzählung in der Zeit vier Tage zurück springt. Im Nachhinein mag man diese vorausgreifende Exposition bedauern, denn die Alternative einer chronologischen Narration hätte vermutlich ein unvoreingenommeneres Zuschauen erlaubt. Ob das die bessere Wahl gewesen wäre, bleibt dahingestellt, sicher ist aber, dass der Anschlag auf das Leben von Hauptfigur und Namensgeber eine ziemlich eng gestrickte Erwartungshaltung provoziert. Zugleich läuft der Film damit schnell Gefahr, die Aufmerksamkeit des Zuschauers über Gebühr auf die Entwicklung der vergleichsweise simplen Geschichte zu konzentrieren und so von den viel interessanteren Details über, unter und zwischen den Zeilen abzulenken.

Der solchermaßen vorgegebene Spannungsbogen jedenfalls lässt schon nach wenigen Minuten erahnen, was da auf einen zukommt, und das geht in etwa so: Michael Clayton, seines Zeichens Cleaner, Troubleshooter oder in eigenen Worten „Janitor“ (mit „Ausputzer“ in der deutschen Fassung etwas ungelenk übersetzt) einer großen New Yorker Anwaltskanzlei, wird sich innerhalb von vier Tagen so tief in ein gefährliches Fahrwasser aus Korruption und Wirtschaftskriminalität begeben, dass er aus dem Weg geräumt werden muss. Besonderes Interesse wird daran vermutlich ein Hintermann (tatsächlich eine Hinterfrau) des internationalen Chemiekonzerns U/North haben, dem derzeit wichtigsten Klienten der Kanzlei. Das Unternehmen sieht sich mit einer milliardenschweren Sammelklage von Opfern eines hauseigenen Pflanzenschutzmittels konfrontiert, und zunächst stehen die Chancen, mit blauem Auge davonzukommen, ziemlich gut. Doch kurz vor Abschluss eines außergerichtlichen Vergleiches wechselt der Prozessbevollmächtigte der Kanzlei ganz offensichtlich die Seiten. Auftritt Clayton, der die Lage bereinigen und seinen Partner von weiteren Schritten abhalten soll, doch dabei bald schon mehr erfährt als ihm lieb sein kann.

Das ist dann auch schon das wesentliche Handlungsskelett, das in den ersten rund 100 Minuten bis zur Wiederholung der Eingangssequenz mit weitestgehend stringenter Geradlinigkeit erzählt wird. Wer im Anschluss eine Geschichte um Flucht und Verfolgung erwarten sollte, wird arg enttäuscht. Das Leben der Hauptfigur vielmehr ist weder davor noch danach jemals ernsthaft bedroht, und der Film hat ersichtlich auch kein Interesse daran, einen solchen Weg einzuschlagen. Und überhaupt liegt die eigentliche Spannung des Films vor allem in den Charakteren und ihren inneren Konflikten statt in der mehr oder weniger berechenbaren Handlung.

Umso mehr fällt aber auch erst auf den zweiten Blick auf, wie geschickt Autor Tony Gilroy hier das Grundprinzip variiert, das alle Teile seiner Bourne-Trilogie so bemerkenswert schlüssig funktionieren lässt. Deren dramaturgischer Motor, getaktet von der beständigen Wechselwirkung zwischen Jägern und Gejagten, hält nämlich auch Gilroys Regiedebüt am Laufen – wenn auch unter anderen Vorzeichen. Offene Kampfansagen, falsche Fährten, heimliche Überwachungen und verborgenes Wissen, das zur Waffe wird – die bewährten Bourne-Elemente sind alle da, nur verschwinden sie hier nicht im Schatten bemerkenswerter Jagdsequenzen, sondern schenken der Dramaturgie ihre wesentlichen Herzstücke. Wenn etwa der von bipolaren Störungen heimgesuchte Anwalt Arthur Edens (eindringlich: Tom Wilkinson) seine Kampfansage an U/North als akustisches Manifest inklusive Original-Jingle des Chemiekonzerns auf dem Anrufbeantworter hinterlässt, dann offenbart er sich in konzentrierter Form als Bourne-Variante, die sich irgendwo auf der anderen Seite des Spiegels befindet – ein Getriebener durch das, was er nie wissen wollte, und der erst seine verstandesregulierende Medizin absetzen muss, um aufzuhören, nach den Regeln desjenigen Systems zu funktionieren, das ihn zu dem gemacht hat, was er ist.

Durch solche Musterstücke narrativen Feinschliffs verlagert Gilroy die Spannung fast vollständig von außen nach innen, und schafft so einen bemerkenswerten dramaturgischen Gegenentwurf zur Bourne-Trilogie. Umso fehlgeleiteter aber mag sich der Zuschauer fühlen, wenn er dem Versprechen der Eingangssequenz aufgesessen ist. Auf anderer Ebene allerdings ist diese jedoch wiederum so entscheidend, dass ihre prominente Platzierung zu Recht auf den eigentlichen Kern des Films verweist. Eine ähnliche Saulus/Paulus-Wandlung wie Arthur Edens wird später nämlich auch sein Partner Michael Clayton erfahren. Doch dafür muss er erst mit der Alternative von Leben und Über-Leben (wohlgemerkt nicht Leben und Tod) konfrontiert werden – Wissen und Erkenntnis alleine genügen bei beiden Figuren nicht. Wo Edens erst vermeintliche Verstandesklarheit einbüßen muss, da benötigt Clayton eine Pistole auf die Brust (oder eben eine Bombe im geleasten Kanzlei-Mercedes). Zu tief sind beide verstrickt in Strukturen, von denen sie in höchstem Maße abhängig geworden sind, und denen sie aus freier Willenskraft alleine nicht entkommen. Denn selbst als Clayton innerlich schon so weit ist, die Moral über die Pflicht zu stellen, hat er nicht die Kraft, dem Druck Widerstand zu leisten, den die Räder ausüben, von denen sein Leben in der Spur gehalten wird – unabhängig davon, wie schmal diese zunehmend wird. Es bedarf also in beiden Fällen eines Deus ex machina, und das rückt Gilroys Machtdrama ganz essentiell näher an die griechische als an die shakespearsche Tragödie (auch wenn Karen Crowder, die unter Druck geratene Leiterin der Rechtsabteilung des Chemiekonzern – von Tilda Swinton mit beeindruckender Präzision verkörpert – eine aufregend verzerrte Lady Macbeth abgibt).

Wie sehr man also auch PR-technisch bemüht ist, Gilroys Film in die Tradition amerikanischer Enthüllungsthriller der 70er Jahre zu stellen, bei genauerem Hinsehen hat man es doch vielmehr mit einem Drama der Innerlichkeit zu tun, und das macht auch tatsächlich die eigentliche Stärke von „Michael Clayton“ aus. So sind es die drei bis vier (mit vergleichsweise wenigen pointierenden Strichen überraschend nuanciert gezeichneten) Hauptcharaktere, von denen die wesentliche Überzeugungskraft des Films ausgeht. Ihnen ordnen sich die durchweg exzellenten Darsteller in dankenswert uneitler Weise unter, und überhaupt nehmen sich alle Beteiligten merklich zurück. Das tut dem Film ausgesprochen gut, und man würde sich von den großen Studios in Zukunft mehr Bescheidenheit solcher Güteklasse wünschen. Doch dieser Platz gehört möglicherweise ja zu den wenigen, die in Hollywood auch gerne unbesetzt bleiben können.

Artikel © 2007 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: Constantin Film Verleih GmbH

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