Zombie-Trash am Ostersonntag.
Wenn nach weniger als 10 Minuten Laufzeit die ersten konservierten Genitalien durch die Luft fliegen, weiß selbst der unvoreingenommenste Zuschauer, dass er es mit einem Film von Robert Rodriguez zu tun hat und sich für die kommenden rund 95 Minuten schon einmal auf eine mehr oder weniger originelle Nummernrevue von ähnlich unappetitlicher bis alberner Güteklasse einstellen kann. Der Mann hinter einer ganzen Riege betont unerwachsener Filme wie „Desperado“, „Spy Kids“ oder zuletzt „Sin City“ hat eben ein Faible für verstümmelte oder abgetrennte Körperteile, ebenso wie für Stripperinnen (pardon: Go-Go-Tänzerinnen) und Latino-Outlaws, die sich ihren Weg als Revolver-Akrobaten freischießen. Folgerichtig gibt es in Rodriguez´ Zombie-Trash „Planet Terror“ von all diesen Zutaten auch eine ganze Menge zu sehen. Das muss einem nicht gefallen, aber man muss es sich ja auch nicht ansehen.
Im Grunde wäre damit auch schon alles Wesentliche zum Film gesagt, wenn man es hier nicht mit einem nachträglich zwangsseparierten Teilsegment aus einem ursprünglich gemeinsamen Konzeptfilm von Rodriguez und seinem Geistesbruder Quentin Tarantino zu tun hätte. „Grindhouse“ nämlich (so der Titel des an die Schmuddelkinos der 70er angelehnten Doppelfeatures) sollte eine Art Hommage werden an jenen filmischen Sondermüll, den vor allem Tarantino in seiner Jugend tonnenweise konsumiert hatte und bis heute in seinem heimischen Privatkino ausgedehnt und hemmungslos zelebriert. Die Idee zum gemeinsamen Projekt stammte ursprünglich von Rodriguez, und man kann sich unschwer vorstellen, wie unmittelbar sein partner-in-crime Feuer und Flamme gewesen war.
Was auf dem Papier gut ausgesehen haben mag, erwies sich aber auf dem freien Markt als echtes Desaster. Ein breites Publikum verweigerte dem Konzept jegliches Interesse und ließ den Film gnadenlos durchfallen. Womit niemand gerechnet hatte, war eingetreten und eine scheinbar sichere Investition mit vollem Tempo gegen die Wand gefahren. Völlig vor den Kopf gestoßen von dem, was da geschehen war, entschied man im Hause Weinstein wohl mit einer gewissen Hektik, die beiden Segmente umgehend zu separieren, auf Spielfilmlänge zu trimmen und erneut in die Theater zu bringen. Doch davon war kurz darauf für den US-Markt schon keine Rede mehr, und man konzentrierte sich stattdessen lieber auf Europa, schickte Tarantinos Beitrag gar ins Rennen um die goldene Palme, wohl wissend, dass diese sich mit einem Nebenwerk wie „Death Proof“ nicht ernsthaft gewinnen ließ. Doch mit einer ausgedehnt affirmativen PR, einem halbtransparenten Mantel des Schweigens, den man über den Flop an den heimischen Kinokassen legte, sowie der recht zweifelhaften, dafür aber umso nachdrücklicher betonten Behauptung, man habe nie vorgehabt, die beiden Filme außerhalb Amerikas überhaupt als Doppelfeature auf den Markt zu bringen (wobei das vermutlich gerade in Deutschland wesentlich besser funktioniert hätte), ließ sich zumindest die Marke Tarantino noch einigermaßen unbeschadet ausspielen – wenn auch mit vergleichsweise durchschnittlichen Einspielergebnissen.
Dabei war „Grindhouse“ aus Sicht der Weinstein Co. ursprünglich vor allem dafür vorgesehen, diejenigen Lügen zu strafen, die angesichts ausbleibender Erfolge den Verdacht nicht loswurden, dass die Brüder Bob und Harvey nach ihrer Trennung von Disney den richtigen Riecher für erfolgsträchtiges Filmemachen abseits von Mainstream-Schablonen verloren hatten. Denn immerhin war es genau dieser Golden Touch, der vor allem Harvey Weinstein über die Jahre seliger Miramax-Zeiten hinweg nicht ganz zu Unrecht für manchen Beobachter mit einer gewissen Aura der Unfehlbarkeit versehen hatte. Als eine Art Independant-Pendant zu den großen Megalomanen der Ära klassischer Studiostrukturen vom Typus eines Zanuck oder Selznick, hatte Weinstein nicht nur Filmemacher wie Tarantino, Rodriguez oder Soderbergh protegiert, sondern auch ein breiteres US-Publikum mit Namen europäischer Regisseure wie Pedro Almodovar oder Peter Greenaway bekannt gemacht. Beides war allemal verdienstvoll und zahlte sich für die Beteiligten überdies auch in mehr als bloß einer Handvoll Dollar aus.
Doch die Weinstein Co. – eine aus 140 Million $ Abfindung für die Überlassung von Miramax an Disney Ende 2005 ins Leben gerufene Neugründung – lief nicht so richtig an, und die ersten wenig publikumswirksamen Produktionen sowie einige vielfach mit Befremden angesehene Entscheidungen des Unternehmens (darunter eine direct-to-DVD-Sparte) ließen bald schon Skepsis am zukünftigen Erfolg des Unternehmens aufkommen. Umso dringender musste ein Kassenerfolg her, und die Weinsteins bekamen ihn praktisch auf dem Silbertablett serviert – und zwar in Gestalt eines gemeinsamen Projektes zweier Miramax-Zugpferde mit erfolgsverwöhnter Filmografie und einer Heerschar treuer Anhänger (denen zudem vor lauter Bewunderung und kultischer Verehrung bisweilen jegliches kritische Urteilsvermögen abgeht).
Es wäre vermutlich zwar übertrieben zu behaupten, die Weinsteins hätten angesichts einer derart sicheren Bank alles auf eine Karte gesetzt, doch die Marketingkampagne, die sich in den Wochen vor Filmstart über die Zielgruppe ergoss, lässt zumindest durchaus vermuten, dass die Brüder wenig Interesse daran hatten, auch nur einen einzigen möglichen Zuschauer nicht mit aller Gewalt von der Notwendigkeit zu überzeugen, dass ein Leben ohne „Grindhouse“ merklich weniger wert ist. Alles was an Medien und Plattformen irgendwie zu mobilisieren war, wurde einer gründlichen Heimsuchung (oder passender: Grindhausierung) unterzogen.
Welche absurden Blüten der in Gang gesetzte Media Stunt dabei teilweise hervorbrachte, zeigt vor allem der Fall einer quasi prophylaktisch verliehenen Doppelauszeichnung, die Tarantino und Rodriguez in Personalunion beim ersten Scream Award des US-Bezahlsenders Spike TV in der Kategorie „Mastermind“ erhielten. Wohlgemerkt war das gemeinsame Projekt zum Zeitpunkt der Veranstaltung, dem 10. Oktober 2007, weder fertiggestellt, noch – speziell Tarantinos Beitrag – auch nur im Ansatz abgedreht. Nichts desto trotz nutzte die Vermarktungsmaschinerie der Weinsteins die (im perfekten Rundumschlag und zu allem Überfluss von den drei Hauptdarstellerinnen McGowan, Shelton und Dawson gehostete) Gelegenheit kurzerhand auch noch zur offiziellen Uraufführung des ersten Trailers.
Ob man solche Aktionen nun unter Größenwahn verbucht oder als eine besonders aufdringliche Form von viralem Marketing begreift, unstrittig ist in jedem Fall wohl, dass hier nicht mehr und nicht weniger verkauft werden sollte als ein historisches Ereignis. Dass hinter einer derartig messianischen Verheißung dann allerdings bloß eine mehr oder weniger harmlose (bis hirnlose) Kirmes-Veranstaltung steckte, kann man noch nicht einmal dem Produkt selber zum Vorwurf machen. Den kläglichen Misserfolg an den US-Kinokassen erklärt es aber allemal.
Welchen Teufel die Weinsteins dann schließlich geritten hatte, den Starttermin ausgerechnet auf Ostern bzw. Karfreitag zu legen, bleibt wohl ihr Geheimnis. Ob die Verlockung eines derart besucherintensiven Wochenendes für einen fatalen Moment hatte vergessen lassen, dass man sich ja trotz aller Europa-Offenheit immer noch im christlichen Amerika befand (Zombies zum Auferstehungsfest?), oder ob die Siegessicherheit mittlerweile ein Maß erreicht hatte, das alle kluge Vorsicht aus der Erfahrung von 28 Jahren Produktion und Verleih verstummen ließ – in jedem Fall hätten wahrscheinlich höchstens der 11. September oder der 25. Dezember zu ähnlich fatalen Einspielergebnissen führen können. Meilenweit entfernt von dem, was Analysten prognostiziert hatten, erreichte der Film in den Top Ten der amerikanischen Kinocharts gerade einmal knapp das Mittelfeld, rutschte in der zweiten Woche weiter ab und verschwand die Woche darauf gänzlich aus dem Blickfeld.
Schon nach den katastrophalen Ergebnissen des Startwochenendes bemühte man sich panisch um Schadensbegrenzung. Ein erheblicher Teil der Zuschauer habe das Kino vorzeitig verlassen und anscheinend nicht begriffen, dass man es ja mit einem Doppelfeature zu tun habe. Da aber Publikumsbeschimpfung nicht gerade zu sonderlich guter PR taugt, ruderte man im Hause Weinstein nach anfänglichem Aufgeregtsein schnell wieder zurück und nahm die Schuld auf sich. Natürlich sei das ein Fehler des Marketings gewesen, und man hätte versäumt, deutlich genug zu kommunizieren, was da eigentlich alles geboten wurde („Two great movies for the price of one“, hieß es auf dem Filmplakat). Tatsächlich aber gaben ganze Gruppen wohl doch erst während der überlangen Dialoge zu Beginn des zweiten Segments auf und gingen lieber an die frische Luft statt länger Tarantinos semi-authentischen und leidlich pointiertem girl-talk zu folgen. Hier lag das Problem der Kommunikation also eher on- als off-screen. Aber da war es für Optimierungsversuche ohnehin längst zu spät.
Die Länge des Doppelfeatures, so hätten die hauseigenen Marktstudien der Weinstein Co. ergeben, sei hauptverantwortlich gewesen für das Wegbleiben der Zuschauer. Ein Kinoabend bestehe schließlich nicht nur aus dem Film selber, sondern beinhalte auch andere Freizeitaktivitäten, und das sei eben bei einer Spieldauer von 191 Minuten nicht möglich. – Das leuchtet zwar zunächst ein, lässt aber bei genauerem Hinsehen nicht nur erneut darüber nachgrübeln, wo denn hier die Erfahrung aus fast drei Jahrzehnten Filmgeschäft geblieben war, sondern wirft vor allem auch die Frage auf, wie unter Voraussetzung der Richtigkeit einer solchen Behauptung etwa die „Herr der Ringe“-Trilogie mit Laufzeiten von 178 bis 201 Minuten überhaupt an den Kinokassen funktionieren konnte (und da waren die Weinsteins ja immerhin als ausführende Produzenten mitbeteiligt).
An all diesen Erklärungsversuchen mag nun zwar das eine oder andere dran sein, den Kern treffen sie jedoch nicht. Und selbst der denkbar ungünstig gewählte Starttermin taugt nur in Teilen zum Verständnis des allgemeinen Desasters, denn schließlich hätten die Folgewochen, ungetrübt von kirchlichen Feiertagen, dem Film wieder aufhelfen können. Genau das aber geschah eben nicht und spricht deutlich für eine katastrophale Mund-zu-Mund-Propaganda. Dabei lässt sich mit einigem Recht davon ausgehen, dass eine solche ihren Anfang einerseits in dem heillosen Missverhältnis zwischen Film und Erwartungshaltung nahm, provoziert durch eine Marketingkampagne, die maßlos über ihr Ziel hinausgeschossen hatte, und andererseits schlicht von der Qualität des „Grindhouse“-Projekts selber ausgelöst war. Dass hier vor allem „Planet Terror“ maßgeblich verantwortlich zeichnet, liegt auf der Hand – und zwar nicht etwa deshalb, weil Rodriguez´ Beitrag möglicherweise der schwächere Teil ist, sondern vielmehr darum, weil er schlicht als einziger von den meisten Zuschauern wenigstens halbwegs bis zum Ende gesehen worden war.
Nach mehr oder weniger unterhaltsamer Konfrontation also mit eitrigen Untoten und abgetrennten Genitalien in Plastikbeuteln musste sich das Gros der Zuschauer selber die Antwort auf die Frage geben, ob das, was er da gerade gesehen hatte, denn nun tatsächlich auch demjenigen entsprach, was über Wochen und Monate hinweg an allen Ecken und Enden der medialen Welt mit heftigem Insistieren als Stein der Weisen angepriesen worden war. Nun wird sich eben diese Antwort in den allermeisten Fällen recht umgehend als unumstößliches „Nein“ erwiesen haben, und auf die Frage anderer möglicher Zielgruppenkandidaten, wie man denn den Film gefunden habe, wird vermutlich eine Variante von „Hatte ich mir besser vorgestellt“ federführend gewesen sein. Von Empfehlung also keine Spur. Was sollte den Film da noch retten?
Da die Kritik nun aber schon im Vorfeld ausgesprochen gut bis hymnisch ausgefallen war, standen angesichts der desaströsen Einspielergebnisse nicht nur die Verantwortlichen selber, sondern auch die betreffenden Pressevertreter mehr oder weniger hilflos da. Wie exzellent und detailgenau die beiden Filmemacher den Geist des Grindhouse-Kinos rekonstruiert und widergespiegelt hätten, und welch unterhaltsame Hommage an ein derart unterschätztes und fast schon in Vergessenheit geratenes Kapitel der Filmgeschichte hier entstanden sei – so und ähnlich konnte man es in seltenem Gleichklang die Presselandschaft rauf und runter lesen (und auf hiesigem Boden sah es später nicht wesentlich anders aus). Und so hatte das Feuilleton sinniger Weise auch wenig Verständnis für die Publikumsreaktion und hat es bis heute nicht.
Doch der Kritik entgeht da genau wie den beiden Filmemachern selber ein ganz entscheidender Punkt. Kinogänger nämlich sind in der überwiegenden Anzahl der Fälle weder Filmkritiker oder Filmhistoriker noch fanatische Kino-Aficionados (die jeden Meter Film aufgesogen haben, der jemals gedreht worden ist, und deren Leben sich zu weiten Teilen auch um nichts anderes dreht). Die überwiegende Anzahl der Kinogänger hat kein Vergnügen an künstlich gealterten Filmbildern, an digitalen Rissen, Kratzern und missing reels, sondern mag seine Filme lieber intakt und auf bestmöglichem optischen und akustischem Niveau (Kinobetreiber wussten tatsächlich von zahlreichen Beschwerden über die vermeintlich schlechte Bildqualität zu berichten). Und der ganz normale Zuschauer, der im Gegensatz zum Kritiker und millionenschweren Filmemacher sein hart verdientes Geld an die Kinokasse tragen muss, um dort einen Film sehen zu können, will auch nicht belehrt werden über Randerscheinungen der Filmgeschichte, die zu Recht Randerscheinungen sind und jeden Tag auch umsonst im Fernsehen angeboten werden.
Und so ist „Planet Terror“ für den ganz normalen Kinogänger eben nicht mehr als ein absurd ausufernder Zombiefilm, dessen Bildqualität allerdings erheblich zu wünschen lässt. „Death Proof“ hingegen gerät für den Durchschnittszuschauer zum arg bis über-arg dialoglastigen Psychokiller-Nonsens mit beeindruckenden Stunts und geringem Spannungsanteil. Beides also leidlich unterhaltsame Kirmes-Attraktionen. Das ist an sich nichts Schlechtes, denn mit solchen hat das Kino ja schließlich auch einmal seinen Anfang genommen. Betrachtet man „Grindhouse“ oder seine beiden Teile separiert aber in dieser Klarheit, so kann man auch keine Wunder an der Kinokasse erwarten – vor allem aber darf man nicht den Fehler machen, sie als solche zu verkaufen. Denn dieser Schuss geht, wie sich hier gezeigt hat, mit Nachdruck nach hinten los – und das auch ganz ohne Beinprothese.
Artikel © 2007 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: Senator Entertainment AG
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