Mai 12, 2008 by Thomas Lenz
Photoshop und Silhouettentheater
1938 war für die Popkultur ein entscheidendes Jahr. Nichtsahnend, was er da in die Welt setzen würde, synthetisierte Albert Hofmann einen Stoff, der zunächst wie das unbrauchbare Ergebnis pharmazeutischer Laborarbeit aussah. Doch der Chemiker aus der Schweiz hatte anscheinend eine Ahnung von dem, was ihm hier gelungen war, machte sich fünf Jahre später noch einmal an seine Forschung und sah kurz darauf jede Menge bunten Irrsinn. Der Rest ist Geschichte: Hofmann hatte ein leistungsstarkes Halluzinogen gefunden (oder eigenen Worten gemäß eher anders herum) und damit unfreiwillig ein schickes Spielzeug für den CIA, eine Horde Psychiater und die spätere Hippiebewegung gleichermaßen entworfen. Die nachhaltigsten Belege für den Erfolg von Hofmanns Zufallstreffer fanden ihren Niederschlag jedoch vor allem in denjenigen kulturellen Errungenschaften, die anderweitig nie entstanden wären. Angemessen also, dass der erste große Nachruf auf den LSD-Urvater bereits knapp eine Woche nach seinem Ableben selbstverständlich auf der großen Leinwand stattfindet – und das ganz ohne Suchtgefahr. Denn als hätten die Wachowskis geahnt, dass es einen aktuellen Anlass für die Rückkehr des psychedelischen (und in diesem Fall völlig asexuellen) Barbarellismus auf die Leinwand geben würde, erzählt „Speed Racer“ mit einem Füllhorn aus wilden Spektralfarben, Kaleidoskopen und optischen Spiralen im Grunde Hofmanns legendären Bycicle-Day nach – wobei das Fahrrad selbstverständlich durch einen schnittigen Boliden ersetzt worden ist.
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Mai 3, 2008 by Thomas Lenz
Herzschrittmacher
So hatte Tony Stark sich das nicht vorgestellt. Anstatt verlässlich die Freiheit zu sichern, sorgen die Waffensysteme aus seinen hauseigenen Produktionshallen vor allem für jede Menge Leid, Tränen und Kollateralschäden. Dabei hatte es sich als Kopf eines milliardenschweren Rüstungskonzerns in zweiter Generation und fernab von den Einsatzgebieten seiner patentierten Kriegsspielzeuge bisher eigentlich gut und sorgenfrei leben lassen. Doch ausgerechnet bei der Präsentation eines neuen Tötungswunderwerkes für die US-Army am Hindukusch fällt der Mann, der lieber im Casino ein kleines Vermögen verprasst als bei eitlen Empfängen lästige Auszeichnungen entgegenzunehmen, und der übereifrige Enthüllungsjournalistinnen schon mal ganz gerne dazu motiviert, selber die Hüllen fallen lassen, unangenehmer Weise in die Hände bewaffneter Miliz. Und die hat nichts Gutes Im Sinn. Sein neuestes Produkt soll er für sie bauen, und sie so unbesiegbar machen - denn wer mit den Waffen von Stark Industries kämpft, der gewinnt auch den Krieg. Solchermaßen mit den Früchten seiner eigenen Arbeit konfrontiert und der Welt von Cocktailpartys und Nadelstreifenanzügen entrückt, wird es Zeit, die eigenen Ziele im Leben noch einmal zu überdenken. Tony Stark kommt dabei zugute, dass ihn dieser Antrieb von nun an nie wieder verlassen wird. Denn nur ein notdürftig in seinen Brustkorb eingebauter Elektronmagnet kann noch verhindern, dass sein Herz von Granatsplittern buchstäblich zerrissen wird. Keine rosigen Aussichten also und eine erstklassige Gelegenheit, mit der leidigen Waffenschieberei aufzuhören.
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April 19, 2008 by Thomas Lenz
Fehler im System
Parallelgesellschaften zeichnen sich durch Ihre Absetzung vom offiziellen bürgerlichen Kontext aus. Sie können enklavisch strukturiert sein, ohne nach außen abzufärben, oder auf eigene Faust gezielte Systemkorrekturen vornehmen. Zum letzteren Typus gehört Ad Vice, eine Spezialeinheit des LAPD, die sich ihrer ganz eigenen Methoden der Gewaltenteilung bedient und dabei vor allem auf die Ökonomie der Mittel Wert legt. Denn wo die Polizei selber zur Judikative wird, spart man sich ebenso kostspielige wie langfristige Justizverfahren – von sinnlos milden Urteilen ganz zu schweigen. Zu den besonders konsequenten Anhängern dieser Vorgehensweise gehört der sichtlich aus der Spur geratene Detective Tom Ludlow (ein direkter Seelenverwandter von Vic Mackey), für den ein notwendiger Schusswechsel schon einmal zur aktiven Hinrichtung werden kann. In solchen Fällen bedürfen seine Fahndungserfolge für die Öffentlichkeit und die internen Überwachungsorgane zwar nachträglicher Tatort- und Beweismanipulationen, doch da ist er sich der schützenden und machtvollen Hand seines Captains sicher, der alle Spuren verwischen kann und so der Funktionsweise der Truppe den Rücken freihält. Dass ein solches System, das sich auf der Logik der Selbstjustiz gründet, irgendwann kannibalistische Züge entwickelt, liegt in der Natur der Sache. Wer überlebt, entscheiden andere.
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April 13, 2008 by Thomas Lenz
Bauernopfer
Informationen bewegen sich auf der Vertikalen und sind ihrer Natur nach punktuell ausgerichtet. Ihre Ausläufer hingegen entfalten sich linear und gehören deshalb auf die Horizontale. Zueinander finden beide durch die kontinuierliche Verengung des Winkels, und im ersten Langfilm des Georgiers Gela Babluani geschieht dies, als der junge Hilfsarbeiter Sébastien die Leiter vom Haus seines Kunden herabeilt, um diesen kurz darauf tot in seiner Badewanne zu finden. Zuvor noch hatte er durch ein Loch im Dach, für dessen Reparatur er angeheuert worden war, ein unter ihm stattfindendes Gespräch darüber belauschen können, wie ein geheimnisvoller Umschlag mit einem Zugticket nach Paris dem morphiumsüchtigen (und zahlungsunfähigen) Hausbesitzer eine beachtliche Summe Geld würde verschaffen können. Eben dieser Umschlag wird dem Handwerker nach Bergung der Leiche zufällig in die Hände geraten und ihn - c´est la vie - auf geradem Weg ins frei gewählte, aber wenig öffentlichkeitstaugliche Unglück treiben. Dass er dafür nicht einmal in die Slowakei muss, sondern schon vor der vermeintlich zivilisierteren Haustür ins Zentrum perverser Millionärsspiele gerät, ist dabei doppelt unangenehm.
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April 6, 2008 by Thomas Lenz
Überleben in Cinecittá
Bei Gelegenheit berichtet David Bowie einmal davon, wie Julian Schnabel Mitte der 90er an ihn herangetreten war, um ihn für seinen ersten Film zu gewinnen, und wie er, Bowie, der bekanntermaßen ganz gerne auf allen Hochzeiten tanzt, die ihm in die Quere kommen, daraufhin erst einmal in das dümmste aller Denkklischees verfallen war, dem gemäß nämlich ein Maler als Filmemacher vermutlich nicht sonderlich viel taugen würde. Bei genauerer Betrachtung allerdings sei ihm dann schnell klar geworden, inwiefern dasjenige, was sich da reflexartig bei ihm breit gemacht hatte, exakt dasselbe skepsislastige Vorurteilskorsett war, dem gerade er selber sich sonst immer breitflächig entziehen musste. Wenige also waren geeigneter, jenen Schritt nachzuvollziehen, welchen der Mann da ging, von dem einer seiner schärfsten Kritiker einmal behauptet hatte, er verhalte sich zur Malerei wie Stallone zur Schauspielkunst. Mittlerweile jedoch hat Schnabel alle derartigen Pharisäer und selbsternannten Totengräber zum Schweigen gebracht, und wenn man selber ganz still ist, kann man dabei zuhören, wie sie heute ziemlich schwer an ihren Worten zu schlucken haben.
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März 19, 2008 by Thomas Lenz
Aufklärer und Bauherren
Da mag sich so manchem Kulturfaschisten der Magen umdrehen, aber der erfolgreichste deutsche Regisseur in Hollywood ist kein Miethengst, sondern Autorenfilmer, und als sei das für den einen oder anderen nicht schon genug zu schlucken, regiert er ganz nebenbei auch noch lässig über Budgets, von denen andere, denen man auf breiter Front vielleicht eher gewillt ist, diesen Titel zuzusprechen, im Grunde noch nicht einmal träumen dürfen. Bei Sony wäre man gerade etwas klamm gewesen, plaudert er bei Gelegenheit gelassen vor sich hin, da sei er halt zu Warner gegangen mit seinem Drehbuch, und die hätten die 120 Millionen Dollar noch in der Portokasse gehabt. So einfach kann es gehen - keine lästigen Fördergremien mit undurchsichtigen Vergabekriterien, kein privatwirtschaftliches Klinkenputzen oder fragwürdiges Fondanzapfen, stattdessen mal schnell bei einem Großstudio vorbeischauen und einen Blockbuster finanziell absegnen lassen. Kein Wunder, dass der Mann aus Sindelfingen für das verständnislose Zähneknirschen seiner Kritiker zu Recht nur ein müdes Achselzucken übrig hat und in seinen Filmen gerne Dinge verkauft, denen aller Realitätssinn mit offenem Mund gegenüberstehen muss. Denn: erscheinen 120 Millionen Dollar gesichertes Budget für einen Autorenfilmer realistischer als eine direkte Nachbarschaft von Eiswüste und tropischem Regenwald? - Eben.
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März 14, 2008 by Thomas Lenz
Ungeheiltes Land
Ein winziger Schnitt und ein einzelner Tropfen Blut sind die ersten Anzeichen dafür, dass Hank Deerfield innerlich bereits aus der Balance geraten ist. Doch für den Vietnamveteranen mit Vergangenheit bei der Militärpolizei steht Selbstkontrolle erfahrungsgemäß an erster Stelle, und so wird er zunächst in großer Genauigkeit seine mit unruhig gewordener Hand beigebrachte Rasierwunde versorgen, bevor ihn die Nachricht vom gewaltsamen Tod seines Sohnes um Fassung ringen lässt. Nur ein einziges Mal wird er später die Kontrolle verlieren und hemmungslos auf einen Mann einprügeln, den er für den Mörder hält. Doch auch das wird nur ein Ausdruck des Versuchs sein, Dinge wieder in Ordnung zu bringen, die aus der Bahn geraten sind, während die Welt um Hank in Wahrheit längst eine andere geworden ist.
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März 5, 2008 by Thomas Lenz
Grenzgänger und Beulenpest
Von Zeit zu Zeit gibt es kulturelle Errungenschaften, die einen ziemlich ratlos zurücklassen. Im Kino allerdings stellt sich dieses Phänomen merklich seltener ein als anderswo. In der bildenden Kunst etwa hat der Wahnsinn vor allem dann Methode, wenn er in den Köpfen des Publikums mehr Fragezeichen in Gang setzt als alle Aporien der modernen Physik zusammen. Das verkauft sich gut und lenkt gelegentlich auch von künstlerischen Unzulänglichkeiten ab, die sich auf diesem Weg angenehm kompensieren lassen. Nun sind die Coen-Brüder zwar Profis genug, auf solche strategischen Augenwischereien gelassen verzichten zu können, die Freisetzung kalkulierter Ratlosigkeit jedoch gehört unbestreitbar zu ihren bevorzugten Wirkmechanismen. Im Fall von „No country for old men“ entfaltet sich dieses Prinzip auf zweierlei Weise, nämlich entweder als Ausdruck hymnischer Begeisterung für eine filmhistorische Offenbarung, oder aber als verständnisloses Schulterzucken angesichts solchermaßen ungebremster Heldenverehrung. Die Entscheidung allerdings, auf welche Seite man sich dabei schlagen möchte, sollte niemand leichtfertig aus der Hand geben - zu groß ist die Gefahr, dass am Ende eine Münze geworfen wird.
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März 1, 2008 by Thomas Lenz
Aderlass
Alleinstehenden Hausbesitzerinnen mit eigener Backstube kann man einfach nicht über den Weg trauen. Das jedenfalls wird sich vermutlich jener bedauernswerte Junge gedacht haben, der nur mithilfe seiner trickreichen Schwester gerade noch einmal dem sicheren Tod im Steinofen entgehen konnte. Wer stattdessen auf dem Feuer gegart wurde, hat der kleine Tim Burton (wie alle Kinder, die von pädagogisch wertvollen Horrorgeschichten sozialisiert wurden) wohl mit einer Mischung aus angenehmen Grauen und gemeiner Freude an Rache und Vergeltung zur Kenntnis genommen, vor allem aber mit einer solchen Nachhaltigkeit in Erinnerung gehalten, dass ein paar Jahre später immerhin ein Kurzfilm für den Disney-Channel daraus werden konnte. Doch das derartig geweckte Interesse an skurrilen Bauten (wenn auch nicht unbedingt aus Lebkuchen), hinter deren verschlossenen Türen sich Geheimnisse verbergen, war damit keineswegs schon befriedigt – ganz im Gegenteil. Hinter so mancher Kulisse fanden sich bald schon seltsame Jenseitswelten, Männer im Fledermauskostüm, traurige Homunkulusgeschöpfe mit Scherenhänden, geheime Bündnisse mit kopflosen Reitern, verbotene Artefakte einer einst mächtigen Rasse oder gar ein koboldbevölkertes Disneyland in Gestalt einer Schokoladenfabrik. Und dann schließlich, ein Vierteljahrhundert später, kehrt der ehemals kleine, jetzt aber zumindest äußerlich große Tim doch tatsächlich wieder zum alten Hexenhaus zurück, in dem ahnungslose Besucher einfach mal so zu Pastete verarbeitet werden.
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Februar 27, 2008 by Thomas Lenz
Falsche Propheten
Nur ein einziges Mal erlaubt Daniel Plainview einen flüchtigen Blick in die Karten seiner Motive und straft damit alle Lügen, die naiver Weise glauben, nackte Gier alleine sei sich bereits selbst genug. Den Ölmann ohne Wurzeln und Vergangenheit treibt an erster Stelle nämlich eine ganz und gar fundamentale Misanthropie voran, ein tiefempfundener und bedingungsloser Hass auf alles, was Mensch ist. Schon das Wort alleine geht ihm nur mit Spott und Verachtung über die Lippen, und so liegt auf der Hand, warum er es nie im Mund führt. So unfassbar viel Geld will er machen, dass er niemanden mehr um sich ertragen muss. Dazu greift er nach dem, was sich anbietet, zunächst nach Silber, dann nach Öl. Und weil er nicht erst auf den Grund ihrer Seelen blicken muss, um zu verstehen, wie sie funktionieren, kann er diejenigen, die er für seine Zwecke nutzt, auch nach Belieben manipulieren. Wer also ist Daniel Plainview in Wahrheit? Richtig. Der Antichrist.
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